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Licht frisst licht

Pagodenfeld Bagan, Burma

1985 - 2013

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Licht - Schatten

Bausteine - Sinnlichkeit - Haptik

Es ist schon seltsam, man kommt hierher, um den Sonnenuntergang zu bewundern, dabei ist es die wunderbare Lichtstimmung, das abendliche Gegenlicht, welches den Reiz dieses Ortes ausmacht, nicht der Sonnenuntergang selbst.

09.12.2013

Aus dem Reisetagebuch

Bagan - im Reich der Pagoden

 

Mingalazedi. Die letzte der Pagoden, die in Pagan gebaut werden sollte, dem Mythos nach aber bewusst nicht fertig gebaut wurde, da eine Vorhersagung damit drohte, würde diese Pagode vollendet werden, würde Bagan untergehen. Die Mongolen haben sich nicht an diese Vorhersehung gehalten und Bagan und damit den Königen von Pagan trotzdem ein Ende bereitet. Mingalazedi, nach ihrem Vorbild, der Schwezigon gebaut, hat noch einige originale Jatakas, gebrannte Tontafeln, die das Leben des Buddhas darstellen. Wunderbare Plastiken. Shwe San Daw Pagode. Die Steile. Fritz schaft es mit viel Willen und Geduld bis zuoberst hinauf, toll! Aber vielleicht wollte er sich nur vor den anhänglichen Souvenirverkäuferinnen retten? Postkarten please, you buy, one Dollar! Lucky Money! you buy. Dies ist nicht Fritz's Welt, unbarmherzig bittend, flehend, charmant aber auch penetrant. Fritz der Ausweicher stellt die Sache klar. Mit mir nicht. Sharon zeigt sich flexibel, lässt sich auf Handel und Händel ein. Der Blick von der Shwe San Daw versöhnt! Alles wie gehabt! Nur dass die Zwischenräume um die Pagoden intensiver bearbeitet werden, landwirtschaftlich. Die ehemals verlassenen, dürren Sandwüsten sind wieder in fruchtbare, grüne Felder verwandelt worden, so dass die Pagoden aus einem grünen Teppich zu wachsen scheinen, ein Teppich, der das ganze Pagodenfeld zusammenbindet. Sharon meint, man sollte den Burmesen verbieten, diese wunderbaren Backsteinskulpturen zu renovieren. Sie versteht noch nicht, dass der weisse Putz, die Vergoldung zur Pagode gehört, wie die Farbe zu den griechischen Tempeln. Auch diese waren ursprünglich nicht weiss. Gleich neben der Shwe San Daw liegt der kleine Tempel mit dem liebevollen Wächter, zwei weibliche Touris halten gerade eine Puja ab! Ihr Blick ist hart und wenig versöhnlich, sie wollen den Tempel für sich allein. Dies ist der Tempel mit den schönsten Wandmalereien von Bagan, sorgsam behütet, kein Blitzlicht ist erlaubt, nicht einmal Photos, die Augen benötigen Zeit, um sehen zu können. Dann aber tut sich ein neues Universum auf, sorgfältigst gemalte Miniaturen, jedes Gesicht individuell gezeichnet, viele davon mit grossen dünnen Schnauzbärten? Aha, sagt Sharon, die Mongolen. Nein, die Burmesen der alten Tage hatten, wie schwarzweiss Fotografien zeigen, alle Schnauzbärte, das ist heute aus der Mode gekommen. Die einzelnen Geschichten sind in horizontalen Friesen angeordnet, wie bei den Karolingern. Wir sind alleine und geniessen dies. Der Wächter schliesst die Türe! Buddha spricht zu uns im dunklen, ein Moment der Erleuchtung. Vielleicht.

 

Anandapagode, die Mächtige, dem wichtigsten Jünger Buddhas geweiht. Vier stehende Buddhas, im Goldrausch, in Nischen auf alle vier Himmelsrichtungen ausgerichtet, mit überhohen, hallenartigen Korridoren verbunden, in welche düsteres Seitenlicht fällt. Die Buddhas in den Wandnischen sind grösstenteils entfernt, vielleicht gestohlen, der durch das Fussfett von Millionen Besuchern gewachste Steinboden glänzt im matten Seitenlicht, transportiert das schwache Licht in die Tiefe des Umganges, jede auch noch so kleine Nische mit Tageslicht versorgend. Lichtführung ist ein Teamwork, ein Zusammenspiel verschiedener Akteure. Unter dem Haupteingang ist ein Bambusgerüst errichtet worden, darauf kauert ein Mann, renoviert die Deckenmalereien. Kaum vorstellbar, wie man im 13. Jahr, ohne elektrisches Licht, in diesen höhlenartigen Hallen, diese äusserst detaillierten Malereien hat anfertigen können. Wie hat man sehen können? Ananda ist aber auch Souvenirverkauf, gedeckt!, wie bei allen Tempeln in Bagan, doch hier hat man sich auf zahlungskräftige Touristen eingestellt. Die Shops der Ananda sind durchwegs von sehr sympathischen Personen geführt, ich kaufe ein Buch zur Architektur, bestaune die Lackarbeiten, verspreche zurückzukehren. Wieviele solche Versprechen ich wohl schon gebrochen habe? Tritt man nach getaner Touristenarbeit, selbstbewusst und mit sich im Reinen ins Freie, kommt aber erst die eigentliche Prüfung in Gestalt kleiner Mädchen, allesamt unglaublich charmant, wie hartnäckig. Sie verkaufen Postkarten für 1 Dollar oder 1000 Kyatts. Nie war es so schwierig nein zu sagen. Einzelne haben sich darauf spezialisiert, eigene Zeichnungen als Postkarten anzupreisen! Ebenfalls für einen Dollar. Zu viel, bedenkt man, dass ein Arbeiter als Anfangslohn für 13 Stunden Arbeit gerade einmal 1500 Kyatts erhält, ein Erfahrener auch nur 5000. Ich versuche mit allen, auch den Kindern anständig und nett zu sein, sie gleichwertig zu behandeln, ob mir dies gelingt, manchmal zweifle ich. Eine kleine Bohne zeigt mir den Weg auf die Toilette, schon wieder, ich befürchte fast, sie wolle mich ins Häuschen hineinbegleiten. Ich schenke ihr ein Bonbon! Über das sanfte, mit Tanaka auf Kriegszug getrimmte Gesicht, huscht ein Lächeln, wir sind Freunde, die Postkarten sollen andere kaufen. Respekt lohnt sich, ist die eigentliche Entlöhnung. Mittagessen bei Gyi Gyi, gleich ausserhalb dem Ananda Komplex, unter den Bäumen, neu mit provisorischen Dächern. Frau Gyi Gyi, eine attraktive Frau Mitte 40, mit zusammengebundenem, schwarzem Haar, wie alle Burmesinnen, lächelt um die Wette, eine Charmeattacke der gehobenen Art. Bestellen kann und muss man nicht, auf allen Tischchen stehen die selben 30 Schälchen, ob zwei oder vier Personen essen, es spielt keine Rolle. Man zahlt was man isst, wobei mir rätselhaft ist, wie Gyi Gyi zählt. Egal, Essen für 8700 Kyatts, weniger als 9 Dollar, für vier Personen, mit zwei Colas und Grüntee für Fritz. Ein lächerlicher Betrag für unser Budget, viel Geld für einen Burmesen! Wiederum ein göttliches Essen, in kleinen Schälchen, für acht Dollar bekommt man in einem unserer Hotels gerade mal ein Dessert... eine irrwitzige Welt. Vermutlich gibt es in keinem Hotel Burmas besseres Essen zu haben. Mittagssiesta im Thiripyitsaya, ich tauche schnell und tief ab, über zwei Stunden, versuche meine Erkältung auszuschlafen. Zum ersten Mal auf dieser Reise bin ich richtig müde.

 

Sonnenuntergang, Dahamma Yan Gyi, die Pyramide bei wunderbarem Abendlicht! Leider aber auch mit sehr vielen Touristen. Wie die Ananda hat auch sie zwei Umgänge, diese sind aber noch etwas urtümlicher. Gleich daneben Gu Ni, mit den schwarzen Buddhas! Eine Pagode, die sich besteigen lässt, und das tun wir. Es ist schon seltsam, man kommt hierher, um den Sonnenuntergang zu bewundern, dabei ist es die wunderbare Lichtstimmung, das abendliche Gegenlicht, welches den Reiz dieses Ortes ausmacht, nicht der Sonnenuntergang selbst. Doch geblitzt wird die Sonne, sobald diese ihren Auftritt hatte, leert sich das Theater! Es ist happy hour time. Die Touristen kehren befriedigt und mit guten Shots zurück. Auch Fritz hat keine Musse für das Dazwischen, die Stimmung, er liebt Fakten, checkt diese! Warum eigentlich können wir so schlecht über unsere Gefühle sprechen? Und müsste eine menschliche Architektur nicht gerade dieses Manko füllen? Mittlerweile hat das kalte Licht der Neonröhren, Fortschritt muss elektrifiziert werden, das spärliche Licht der Dämmerung gefressen. Licht frisst Licht.

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