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demut

Chamkar Lankhang, Butan

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Der Spiegel des Herzens

Der höchste Mensch gebraucht sein Herz wie ein Spiegel.

Er geht den Dingen nicht nach und geht ihnen nicht entgegen;

Er spiegelt sie wieder, aber hält sie nicht fest.

Darum kann er die Welt überwinden und wird nicht verwundet.

Er ist nicht der Sklave seines Ruhmes; er hegt nicht Pläne,

er gibt sich nicht ab mit den Geschäften;

er ist nicht Herr des Erkennens.

Er beachtet das Kleinste und ist doch unerschöpflich.

Und weilt jenseits des Ichs.

Bis aufs Letzte nimmt er entgegen, was der Himmel spendet,

und hat doch, als hätte er nichts.

Er bleibt demütig.

Das Wahre Buch vom südlichen Blütenland

Von Dschuang Dsi

Übersetzung Richard Wilhelm

26.09.2015

Aus dem Reisetagebuch

Wir fahren weiter zum Jampay Lahkang, einem der ältesten Tempel Buthans. Von Weitem fallen die gelben Stoffbänder am Dachgesimse auf. Ich habe keine Ahnung, wohin wir fahren, was vor uns liegt und bin jetzt entsprechend erschlagen. Vor dem Tempel verkaufen Frauen buddhistische Souvenirs, Gebetsketten, Schalen, Malisteine, Gebetsfahnen und heilige Steine.

Es hat auffallend viele alte Personen, die andächtig ihre Kreise um den Tempel ziehen. Die Wollkappen auf den Köpfen zeigen, dass es schon ordentlich kalt ist. Die Gebetsmühlen drehen surrend, Glocken erhellen den düsteren Eingangsraum, welcher in einen engen Vorhof führt. Ein sagenumwobener Ort. So heisst es, dass der Tempel ursprünglich einmal über 4 Treppenstufen begangen werden musste, jede Stufe symbolisierte eine der vier Manifestationen Buddhas. Heute ist noch eine Stufe, halb versunken zu sehen. Diese wird Shakyamuni, dem Buddha der Jetztzeit, zugewiesen. Wenn diese Stufe auf das Grundniveau eingesunken sein wird, soll nach altem Glauben Maitreya, der 5. Buddha der Zukunft zur Erde herniederkommen, ein neues buddhistisches Zeitalter wird beginnen.

Der Boden des ungedeckten Innenhofes ist nass, es hat geregnet, tröpfelt immer noch, eine alte Frau führt die rituellen Verneigungen aus. Mit einer selbstverständlichen Disziplin streckt sie die Hände über dem Kopf, vor dem Kopf, vor der Brust und legt sich flach nieder, so dass der Kopf den Boden berührt, es ist beinahe ein zärtlicher Kuss. Von der Seite sehe ich, dass ihre Knie den Boden nicht berühren, sie macht also jedes mal eine Art Liegestütze. Bei jedem Mal legt sie eine Bohne auf einen Haufen, so dass sie merken wird, wann sie mit ihren 108 Verbeugungen fertig ist. 108, die ominöse Zahl mit 1, 0, 8 gelesen. Während ich den Tempel besuche macht sie seelenruhig weiter und wie ich nach meinem ausgedehnten Besuch wieder ans Tageslicht trete, wird die alte Frau immer noch 'Liegestützen' machen. Es ist schwierig ihr Alter zu schätzen, aber ich denke, sie wird sicher über 70 Jahre alt gewesen sein. Beeindruckend! Was mache ich da eigentlich auf meinem Velo?

 

Ich ziehe die Schuhe aus und umrunde das Innere des Tempels. Ein wunderbarer matter Umgang mit Gebetsmühlen an der inneren Tempelwand, Wandmalereien an der äusseren Wand, an die mattes Dämmerlicht von aussen über winzige Schiessscharten einfällt. Vor mir geht eine junge Frau, wir lassen gemeinsam die Gebetsmühlen surren, welche an wunderbar geschnitzten Holzgriffen befestigt sind. Die Mühlen selbst sind nicht aus Metall, sondern aus einer Tierhaut. Ich habe beim drehen der Mühlen noch selten ein dermassen haptisches Wohlgefühl erlebt. Ich fühle mich mit der mir unbekannten Frau verbunden, sie stösst die Gebetsmühle an, ich sorge dafür, dass sie weiter dreht. Lächelnd dreht sie sich zu mir um und geht weiter. Teamarbeit, im Geiste verbunden. In den Mühlen sind heilige Sutren, nicht nur das Gebet 'Om mani padme um' versorgt, welche durch das unaufhörliche drehen 'gelesen' werden und so ihre Kraft auf uns Menschen übertragen. Nach und nach kommen auch meine Augen an, man taucht stets als Blinder in die Dunkelheit der Tempel ein, und beginnen die Malereien an den Wänden zu sehen. Häufig ist es ja so, dass die Augen in unkultiviertem Ungehorsam den Gedanken vorauseilen, hier ist es umgekehrt. Sie müssen sich gedulden, sind haptische Nachzügler. Was sie jetzt sehen können sind wunderbar detaillierte Zeichnungen, jedes Gesicht ist individuell erkennbar, repräsentiert einen unverwechselbaren Charakter. Hier waren Meister am Werk. Der Umgang stimmt den Pilger ein, lässt ihn die äussere Welt vergessen. Grandios. Auf dem Holzboden vor dem Altar angekommen, hier fällt mehr Tageslicht von oben ein, der Raum ist gut beleuchtet, ist gerade ein älterer Mönch in einer safranfarbenen Robe daran, seine Prostatation auszuführen. Er steht vor dem inneren Tempel, der Maitrya und den acht Boddhisatvas gewidmet ist,  bittet so um Einlass und lässt sich dabei von uns nicht stören, macht seelenruhig seine körperlichen Verneigungen, zollt dem Buddha Respekt, liegt ausgestreckt vor dem Eingang. Jigme erklärt uns, dass dieser Tempel einer der ältesten in ganz Buthan ist, denn Guru Rinpoche sei zuerst in Bumthang gewesen und von hier habe sich der tantrische Buddhismus in das Land verbreitet. Wem der Tempel gewidmet ist, weiss ich nicht mehr, aber ich erinnere mich lebhaft an die Zeichnungen an der Eingangswand: sensationell. Sie sollen teilweise noch original sein, andere wurden sorgfältig restauriert, ich habe noch selten dermassen schöne, lebendige Wandmalereien gesehen. Jigme holt uns in einen Nebentempel in einer der vier Stupas, hier sollen wichtige Reliquien versorgt sein. Ich kann mir die Namen nicht mehr merken, ist es eine weisse Tara, mit ihren 7 Augen? Hat es die Steine, die als Schätze des Buddhismus gelten, weil Guru Rinpoche sie vergraben hat, bevor er nach Tibet zurückgekehrt ist und die Prophezeihung hinterlassen hat, der von ihm gebrachte Buddhismus werde verschwinden und dann wieder 'ausgegraben' werden. Diese Prophezeihung hat sich bewahrheitet. Der Tempel soll bereits im 7. Jahrhundert erbaut worden sein, also vor dem Besuch Guru Rinpoches! Und im Gegensatz zum ebenfalls in dieser Zeit erbauten Kyichu Tempel in Paro, soll er nie durch Feuer, Erdbeben oder Fluten zerstört worden sein. Guru Rinpoche hat diesen Ort als seinen Wohnsitz gewählt, in einer kleinen Nische vis à vis des Altars, allerdings im ersten Stock, soll er gehaust haben. Die Atmosphäre dieses Ortes macht einen grossen emotionalen Eindruck auf mich. Er strahlt eine unglaubliche Ruhe aus. Ich verlasse den Tempel im Uhrzeigersinn, gedanklich entrückt, flechte mich in den Lauf der Gestirne, der Pilger, die das Heiligtum Mantren singend umrunden. Der alte, tief gebückte Mann, der mit seiner Nase beinahe den Boden berührt, ist immer noch daran, seine Runden zu drehen, unaufhörlich. Eine Frau kommt auf mich zu, beginnt neugierig auf mich einzureden. Irgendwie scheinen wir uns nonverbal zu verstehen, vergnügt labbert sie wieder ihr OM vor sich her und geht verzückt weiter. Ein sozialer Ort, Innen und Aussen verschmelzen, das düstere mystische Innere, das helle grüne Äussere. Innen wird gebetet, aussen umrundet, aber auch Innen wird umrundet und Aussen gebetet. Wunderbar und ergreifend. Religion, in Verbindung sein, in Verbindung bringen.

 

Die innere Ruhe, welche mich momentan ausfüllt, lässt meine Gedanken frei tanzen. Es fällt mir auf, wie der Choreograf meines Lebens mich immer wieder an solche Kraftorte des Buddhismus leitet. Seit meinem ersten Erlebnis mit Pikku Sikander Stählin in Sri Lanka im Jahr 1982 habe ich Bodhgaya, Sarnat, Benares gesehen, bin mit Drukchen Rinpoche, dem Oberhaupt aller Drukpa Kargyupa Mönche, nach Laddakh, Hemis, zur Höhle von Milarepa aufgestiegen, später nach Japan, alle diese wunderbaren Zentempel oder Badeanlagen des Kobo Daishi  'Kukai', dann nach Kambodia, Wat Ankhor, Wat Thom und jetzt wieder in den Himalaya, ins Tigernest, nach Jampai Lakhang. Ich habe mich nie als Buddhist gefühlt und doch fühle ich mehr und mehr eine Art Verbundenheit mit den philosophischen Wurzeln dieses Denkens. Nicht mit der Religion, dem monströsen Mamon, aber mit grundsätzlichen Gedanken, Wertevorstellungen. Früher war ich mit meinen Gedanken alleine, konnte sie nicht teilen, jetzt mit Lisa kann ich das und dieses Gefühl bereichert mein Leben. Es ist wahrscheinlich nicht zufällig, dass wir beide gerade hier in diesem Tempel uns gegenseitig, ohne Wissen des anderen, einen Manistein, resp. eine Gebetskette kaufen. Überall sonst haben uns diese Dinge kalt gelassen, schnöder Mamon, hier haben wir, ohne den Wert des Tempels vorher gekannt zu haben, für den anderen etwas 'mitgenommen'. Wunderbar! Wunderbar ist auch zu erkennen, dass diese Wertevorstellung universal zu sein scheint. Geht man bei den diversen 'Hochreligionen' zu deren Ursprüngen, entdeckt man eine erstaunliche Übereinstimmung. Erst wie Verwalter, Priester sich und ihre Funktion rechtfertigen müssen, werden die Gedanken bewusst unterschieden, um so die jeweilige Einmaligkeit und damit ihre Legitimation zu rechtfertigen. 

 

Ich nehme mir genügend Zeit, den Tempel ebenfalls zu umrunden und auch den Bau auf mich einwirken zu lassen. Das Layout scheint mir anders als bei anderen Tempeln zu sein. Erstens ist der Jampay ein reiner Tempel, ohne Mönchszellen, nicht in einen Klosterbau eingebunden. Der freistehende Zentralbau wird an allen vier Ecken von einem eigenständigen Turm, einer Stupa befestigt, die jeweils von Innen, vom Tempel aus begehbar ist, ähnlich einer Bastion, wobei sich zwischen zwei dieser Stupen der eingangs erwähnte Innenhof aufspannt. Die vier Stupen markieren symbolhaft im Osten, Westen, Norden und Süden die vier traditionellen Torwächter. Der Haupttempel wird von einer Umfassungsmauer abgeschirmt, geschützt, kann nur über ein einziges Tor betreten werden, welcher einen grosszügigen Aussenraum einschliesst, der allerdings wenig gestaltet ist. Einzig ein Boddhi Baum und eine weisse Sitzbank darunter zonieren diese Fläche. Das ungepflegte Gras ist von Hundekot übersät. Watch your step! Die Pilger gehen nahe der Tempelmauer entlang, welche sie zu streicheln scheinen. Gebetsmühlen schnurren wollüstig. Um diesen äusseren Hofraum sind weitere Gebäude, teilweise arg zerfallene, angeordnet, vielleicht haben sie ursprünglich zu einer Gesamtanlage gehört. Der Jamai Lakhang ist jedes Jahr auch der Ort eines berühmten Tempelfestes. Man sagt, es sei das älteste Tempelfest Buthans und noch immer eine Art Einweihungsfest (consecration). Das Fest findet jedes Jahr am 15. Tag des 9. buthanischen Mondkalenders statt und dauert vier Tage. Hauptattraktion ist das Feueropfer Mewang und der 'Nackttanz', in welchem die Mönche zwar das Gesicht schwarz russen, aber den Körper nicht bekleiden, also nackt tanzen. Diese Tänze sollen kurz vor Mitternacht an einem Vollmondtag beginnen. Fotografieren sollte man diesen Tanz nicht, aus Respekt. Feueropfer und Tänze, die Cham haben auch hier die Funktion der Reinigung, eine Wiederherstellung der Weltordnung. Auch der passive Besucher wird aktiv gereinigt, sofern er mit guten Absichten kommt. Die gute Absicht, eine Grundvoraussetzung für gute Architektur? 

 

Auf dem Programm steht jetzt ein Spaziergang durch die dörfliche Landschaft des Bumthang. So steht es auf Alexandras Papier. Was da nicht steht ist der Zustand des Weges, der ist nämlich nach den heftigen Regenfällen der letzten Tage ziemlich nass. Ein schlammiges Inferno, durch das wir uns unsicher balancierend von Stein zu Stein retten, über abgründige Pfützen, an einem rostigen Haag entlang hangelnd. Lisa trägt ihre grünen offenen Flipflops, nur ist sie wahrscheinlich die einzige, die ihre 'Schuhe' sehr schnell geputzt hat und sich deswegen auch nicht ziert, nasse Füsse zu bekommen. Sie hat sich wieder einmal beschränkt und trägt leicht. Körperlich und gedanklich. Wir anderen stehen wortwörtlich in der Scheisse. Alexandra nimmt dies sogar noch wörtlicher und tritt in einen frischen Kuhfladen. Die Kühe staunen und muhen verdutzt, bis sie ein alter Bauer mit einem langen weissen Bart zur Raison zwingt. Und gesehen haben wir nicht unbedingt viel von der Landschaft, zu sehr waren wir mit dem glitschigen Boden und uns selbst beschäftigt. Das geht so 30 - 40 Minuten bis wir einen klaren kalten Fluss und über einen Holzsteg eine grüne Wiese erreichen. Geschafft. Ich gehe voraus und erinnere mich, dass in meinem Rucksack ein Stück Bünderfleisch auf seinen Einsatz wartet. Ausserdem habe ich noch die an der Grenze gekauften Süssigkeiten mit dabei. Für jeden gibt es daher einen farbigen Finisherstick und ein Stück Bündnerfleisch, was die verwässerte Moral merklich hebt.

 

Es ist schon sehr drollig, was wollen uns die Götter sagen? Wir spazieren auf einem seidenen Band, das zwei der bedeutendsten Heiligtümer Buthans verbindet und merken dies nicht einmal. Der Weg ist das Ziel. Eine Lektion in Demut. Erstaunlicherweise höre ich kein Klagen und äusserlich gesehen gäbe es gerade jetzt Grund dazu. Aber nein, ausgerechnet hier bleiben die Besserwisser stumm, das Einizige, was zu hören ist, ist das Quitschen des Pflotsches. Hervorragend. Der Sound der Demut.

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