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lob der sinnlichkeit

Fujiya Ginzan Ryokan, Japan

2017

Architekt

Kengo Kuma

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Und wenn schon Peter Zumthors Architektur kompromisslos sinnsuchend ist, dann ist Kengo Kuma ein noch extremerer Grenzgänger, wie er vielleicht nur in einer 'Wabi und Sabi' geeichten Kultur möglich ist.

09.09.2017

Aus dem Reisetagebuch

Ginzan Onsen, ein Ort mit offensichtlich viel Geschichte, bekannt für seine heissen Quellen und noch heute ein beliebter Ausflugsort für japanische Badefetischisten. Uns allerdings hat die Architektur hierher verschlagen. Kengo Kuma hat ein neues Ryokan gebaut und was man auf den Bildern so sehen kann, begeistert. Ginzan ist ein Strassendorf, nur dass die Häuser nicht an einer Strasse, sondern an einem Bergbach stehen, der laut rauschend aus den Bergen, über mehrere Schwellen, durch die Häuserzeile fliesst. Pittoreske Brücken verbinden die beiden getrennten Seiten, die Autos müssen draussen warten, den letzten Abschnitt muss der Besucher zu Fuss gehen. Hilfsbereite Hotelangestellte warten bereits, stürzen sich respektvoll auf die Koffer. Zu meinem Erstaunen stehen in Ginzan noch alte ehrwürdige Häuser und keine, wie sonst meistens üblich, verbetonierte Badehäuser. Kumas Ryokan fügt sich nahtlos und bescheiden in das Ensemble ein. Die Volumetrie ist von seinem Vorgängerhaus übernommen worden, wie wir auf einem alten Photo erkennen. Vertikale Holzstäbe, eine Kathedrale des Lichtes, ein Liebesbrief an die Emotion, an atmosphärische Sinnlichkeit. Zwar hat Kuma die Materialien seiner Vorgänger übernommen, aber diese kompromisslos modern eingesetzt. Aus dem Schatten unter dem Dach (Lob des Schattens) macht er eine begehbare Kerze. Und wenn schon Peter Zumthors Architektur kompromisslos sinnsuchend ist, dann ist Kengo Kuma ein noch extremerer Grenzgänger, wie er vielleicht nur in einer 'Wabi und Sabi' geeichten Kultur möglich ist. Das Leben ist vergänglich und warum darf das die Architektur nicht auch sein, fragt man sich. Transluszide Bambusvorhänge, unsichtbar auf Holzroste montierte Bambusfäden, so dick wie Essstäbchen, filtern das immer indirekte Licht, das entweder aus dem schwebenden Boden aufsteigt oder aus einem Deckenschlitz herunterrieselt. Bauen ist für Kuma auch Experiment mit ungewissem Ausgang. Nicht immer gelingt das Experiment, in diesem Haus geht es um Erleben, nicht um tägliches Leben. Der Verschleiss ist enorm, das Holz altert schlecht, muss teilweise bereits wieder ersetzt werden, in den fünf Bädern kämpft das schwefelhaltige Wasser mit den Ideen des Architekten. Das Erlebnis jedoch ist fantastisch, einmalig, Lob der Sinnlichkeit. Sicher auch, weil alles praktische mit teilweise aufwendigen Details umgangen wird: Fussleisten gibt es nicht, die Papiertapete schwebt 5 Millimeter über dem Holzboden, Türgriffe gibt es nicht, die Greifschienen müssen gefunden werden, auch von ungelenken, tolpatschigen Gaijins, normale Elektroschalter, ein Greuel, Kengo lässt den Schreiner ran, dieser ummantelt jede Dose, sogar die Schrauben werden mit Holz gedübelt. Teilweise artet das Experiment in Bastelei aus, vor allem in den Bädern, der unbändige Gestaltungswille überdeckt diesen Makel allerdings. Kurzum, ein Horror für schweizerisch biedere Baukommissionen. Und wofür? Das Wohlbefinden ist kolossal, eine menschliche Architektur, welche die Sinne anregt. Wohl tut auch, dass eben nicht alles wirklich passt, der kalte Steinboden vor dem Bett etwa, das Wasserbecken 50 cm neben dem Kopfkissen. Aber wir wollen nicht mäkeln. 

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