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Die Schönheit des Maroden

Grytviken, New South Georgia, Antarktis

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

26.01.2015

Aus dem Reisetagebuch

Wie das Schiff am Nachmittag desselben Tages in die den Hafen schützende Bucht einläuft, regnet es wieder, die Wolken drücken auf die Berge, als wären diese ein nasser Schwamm, das Meer ist spiegelglatt, einzelne Eisschollen irren schwimmend umher. Grytviken begrüsst mich unwirklich schemenhaft. Im Gegensatz zu Stromness, welches in der Ebene eines Flussdeltas, vor hohen schwarzen Bergen liegt, kuschelt sich Grytviken am Fusse von schützenden grünen Bergen. Von der ehemaligen Station, dem Dorf, sind praktisch nur noch die eisernen Verarbeitungsanlagen, die riesigen Trantanks vorhanden. Die ehemaligen Wohnhäuser aus Holz sind längst gegangen. Es leben noch wenige, enthusiastische Briten hier, leiten das örtliche Museum, eine Post oder arbeiten in der staatlichen Forschungsstation, die jedoch räumlich klar vom ehemaligen Ort getrennt einen halben Kilometer abseits steht. 2004 wurde Grytviken zum national britischen Projekt erklärt, der Asbest entfernt, die Anlage so restauriert, dass man sich jetzt gefahrlos  darin bewegen kann. Wird jedenfalls gesagt. Grytviken ist das tote Skelett der menschlichen Kultur, das wie zahlreiche tote Robben und Pinguine leblos auf dem Strand liegt. Aber im Gegensatz zu Stromness darf diese ehemalige Walstation frei begangen, drei Häuser können sogar besichtigt werden, das Asbest ist entfernt worden. Das Postamt, das Museum und die Kirche. Wohnen tun alle heutigen Einwohner in einem neuen Holzhaus skandinavischer Prägung. Trotzdem lebt Grytviken von seiner Geschichte, seiner Vergangenheit, dem Walfang. Da hat es drei Walschiffe, die auf den Strand gefahren worden sind und jetzt, pittoresk vor sich hinrosten. Die Walharpune, oder ist es eine Kanone, steht immer noch auf dem Bug, sucht nach Walen. Doch hier bläst der Wal nicht mehr. Riesige Stahltanks warten darauf gefüllt zu werden. Auf dem rostigen Untergrund steht, weiss aufgepinselt  'cleared', geputzt. und das jeweilige Datum. Gar nicht so lange her, denke ich mir. Und da musste schon einiges geputzt werden: In Grytviken allein sollen 54‘000 Wale geflenst, d.h. ausgenommen worden sein. Weltweit ist das Fett von über 15 Millionen Walen zu Öl raffiniert worden. Geht man von einem Betrieb von 50 Jahren aus und einer Saison von sechs Monaten, so wurde an jedem dieser 180 Tage 6 Wale verarbeitet. Also vielleicht 2 Stunden pro Wal. Aber so genau will man es gar nicht wissen.

 

Die Anzahl der Tanks lässt erahnen, wie viele Wale allein auf dieser Station für das Wohl unserer Zivilisation getötet und verarbeitet worden sind. Dazu hat es einiges an Technik gebraucht, Maschinen, Zahnräder, Leitungen, Schmelzanlagen, Rutschen, Sägen und rund 1000 Arbeiter, ein Industriestandort, der heute zu einer Art Ballenberg des Walfanges umgenutzt wird. Vor dem Museum liegen riesige Walzähne, ein Schädel, Teile des Skelettes. Man will nicht an Zufälligkeit glauben. Hinter den Tanks sehe ich einen verwahrlosten Fussballplatz, noch immer durch schneeweisse Holztore markiert. Die Einsamkeit des Torhüters, denke ich mir. 'Dr Goali bin ik'

 

Die Kirche mit der markanten grünen Spitzenhaube von 1903 ist als vorfabrizierter Holzbau aus Norwegen hierher geschifft worden. Tatsächlich. Ein Stück Heimat. Eine schöne weisse Holzkirche mit einem an Schiffsbau erinnernden weiss gestrichenen Hauptraum, rohen einfachen Holzbänken, einem grossen schwarzen Stahlofen neben dem Eingang. Der liebe Gott hat es gerne warm. Ein Ort der mehr war, als eine Kirche, der Gemeinschftsbau der vorwiegend norwegischen Walfänger, mit einer gut bestückten Bibliothek, die dem Kirchenschiff als kleiner intimer Annex seitlich angebaut ist. Sehr schön. Ich stelle mir das vor, diese rauhen Kerle schlachten tausende Wale ab, flözen diese, stehen tagtäglich im Blut, um dann, am Feierabend hier in der Bibliothek ein Buch zu lesen, den Geruch des Trans gegen das Flair Voltaiers eintauschend. Ich sehe Bücher von Rousseau und Montesquieu, aber auch Ibsen. Auf dem Tresen liegt immer noch das Kästchen mit den Buchzeichen, die dokumentieren, wer gerade welches Buch ausgelehnt hat. Wahrscheinlich ist die Bibliothek immer noch in Betrieb. Eine Insel der menschlichen Kultur inmitten einem stinkenden Meer zivilisatorischer Barbarei. Grytviken hatte auch ein Kino und hat noch immer einen Fussballplatz. Den Aufzeichnungen ist zu entnehmen, dass in Grytviken einige bekannte norwegische Fussballer arbeiteten. Der Fussballplatz wirkt einsam, auf dem holprigen Grün liegen spitzige Steine, die ein gepflegtes Kurzpassspiel verunmöglichen. Die Einsamkeit des Torhüters muss zwischen diesen Pfosten noch grausliger gewesen sein. Auf alten schwarzweiss Photos werden die Mannschaften der verschiedenen Walfangstationen gezeigt, die einmal auf diesem Platz gegeneinander angetreten sind. Die Skisprungschanze von einst ist nicht mehr zu erkennen, aber auch von diesem sportlichen Ereignis gibt es gute Photos von einer nordischen Meisterschaft, wie ein Walfänger in der Tradition der Norweger, auf seinen Skis ins Tal fliegt. Ob er bei der Landung einen schönen Ausfallschritt hingelegt hat, mag das Photo nicht zu belegen. Im Winter war tote Hose in dieser Gegend der Welt, das Meer nahm sich die Bucht zurück, das gefrorene Lächeln verhinderte, dass die Schiffe ein- oder auslaufen konnten.

 

Alle diese verwaisten Walfangstationen wurden ihrem Schicksal überlassen, Industriemüll wird nun zu Industriedenkmal, daran erinnernd, dass der Tod der Wale und Seeelephanten für die Entwicklung der westlichen Kultur unabdingbar war. Glaubte man jedenfalls zu dieser Zeit. Ich lerne, dass man alles schmolz, was sich dazu eignete. Pinguine dienten als lebende Streichhölzer, wurden zum 'anfeuern' angezündet. Aus heutiger Sicht Barbarei. Aber jeder wirtschaftliche Fortschritt baut auf toten Laibern auf, seien dies Wale, seien dies Minenarbeiter in den Stollen. Ohne Energie keine Wirtschaft, kein Fortschritt, gestern wie heute.  

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