1/0

1/8
lob des schattens

Hakkeitei, Hikone, Japan

2012

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Link

Bausteine Grenzen - Sowohl als auch

Bausteine Licht - Schatten

Die Kunst des Tees dreidimensional, mit viel Wabi und Sabi.

15.11.2012

Aus dem Reisetagebuch

 

Der Hakketei Ryokan ist ein alter Traum von mir. Das Bild auf dem Umschlagsbild des Buches Ryokan, eine Burg und ein Haus. Ich habe mich in dieses Bild verliebt, es als Inbegriff des Japanischen immer und immer wieder gezeigt und erst viel später herausgefunden, dass das Haus über dem Teich im Schatten der gewaltigen Burg von Hikone ein Teehaus, Ryokan ist, in welchem man auch übernachten kann. Tatsächlich ist das Hakketei eines der wenigen, heute noch zugänglichen Häuser, die im Sukya Stil erbaut worden sind. Damit ist es seinem grossen Vorbild der Katsura Rikyu, der kaiserlichen Villa in Kyoto, sehr verwandt.

 

Vom Bahnhof mit dem Taxi in das Burggelände mit einer mächtigen Mauer und breiten Wassergräben, staunende Reiher, müde Karpfen. Der Hakketei liegt als ehemaliges Teehaus an einem malerischen Teich im Burggeviert. Der Besitzer springt uns entgegen, wir seien seine einzigen Gäste heute. Schon wieder. Er führt uns in das Haus, mir verschlägt es die Sprache, wir stehen tatsächlich in dem im Ryokanbuch abgebildeten Raum über dem Wasser. Doch nicht genug, wir können beide Zimmer auf dem Teich haben. Grandios. Ein Zelt auf Stützen. Im Gegensatz zum Wa no sato ist hier Okakura und Tanizachi erlebbar. Gelebtes Lob des Schattens. Die Kunst des Tees dreidimensional, mit viel Wabi und Sabi. Das Haus hat gealtert, fällt beinahe aus den Angeln. Das räumliche Konzept ist nach wie vor modern. Die Errungenschaften der modernen Welt wollen nicht besonders recht zum ursprünglichen Konzept passen. Das künstliche Licht wirkt als störender Fremdkörper, die hilflos geführten Elektroleitungen illustrieren Tanizuchis Befürchtungen hervorragend und sie geben ihm recht. Die sanitären Einrichtungen sind separat geführt und noch auf dem Stand der Meji Zeit. Überhaupt scheint die Zeit im Hakketei stehen geblieben zu sein. Und gerade darin besteht seine Qualität. Hier will der Mensch mit der Natur verbunden sein, ohne Kompromisse, ohne wenn und aber. Dieser Anspruch hat seinen Preis, man friert furchtbar an den Arsch. Die Fenster sind nicht dicht, es zieht durch jede Ritze, teilweise fehlt das Glas, das eh viel später eingefügt wurde, ganz, ist durch papierene Shoji Schiebelemente ersetzt. Der Boden, ungedämmt, über dem Wasser, die Tatami eiskalt. Der Futon wirkt wie ein Ofen, die Körperwärme ist der Garpunkt, schmoren bei tiefer Temperatur im eigenen Saft und wehe, ein Körperteil ist nicht vom Futon bedeckt. Unter der Decke staut sich die Wärme des Elektrogerätes, am Boden sucht sich die Kälte unbarmherzig ihre Opfer. Aber Leiden schafft. Das räumliche Gefühl ist grossartig, atemberaubend und löst Glücksgefühle aus. Und dann gibt es ja auch noch das Ofuro, 45 Grad warm, also für unseren Geschmack eher heiss, aber man muss einfach hinein, die ächzenden Knochen wärmen.

 

Es regnet seit unserer Ankunft ununterbrochen, doch just, wie wir in unserer Hütte sitzen und staunen, überrascht uns die Sonne mit einem kurzen Auftritt, lächelt keck aus den Wolken heraus. Wir lassen uns verführen, machen einen Spaziergang im Garten um den Teich, um festzustellen, dass die Sonne uns nur necken wollte, denn bereits regnet es wieder. Doch auch der Regen kann der Anmut des Erlebten nichts anhaben. Wie zwei schmusende Katzen kauern die beiden Pavillons über dem Wasser, eng aneinander geschmiegt, hoch oben thront die Burg von Hikone mit ihrer angsteinflössenden Samurai Fratze. Schwarze Krähen ziehen laut krächzend ihre Kreise, Touristen machen Photos. Das Licht ist stumpf. Dieser Blick zählt als eine der ausgezeichneten Szenerien der japanischen Landschaften. Zu recht. Und wir dürfen Teil davon sein.

 

Der Garten heisst Genkyu-en und ist im Chisen-kaiyu Stil, als künstlicher Garten um einen Teich, nach dem Vorbild des chinesischen Tang Kaiser Genso im Jahre 1677 angelegt worden, also während der Tokugawa Periode, am Anfang der Genroku Zeit. Dargestellt werden die acht Ansichten der Landschaft um Omi mit ihren weissen Felsen. 'Kirschblüte im Frühling, das Surren der Zikaden im Sommer, die Herbstfärbung im Herbst, Schnee im Winter verändern das Gesicht des Gartens im Laufe eines Jahres, so dass der Besucher nie müde wird, ihn zu betrachten.' So das Pamphlet der Touristeninformation von Hikone. Das Hosho-dai Gästehaus, als Brücke an das Hakketei angebaut, diente dem Hikone Clan als Teehaus, in welchem er ausgewählte Gäste unterhalten konnte. Auch heute noch kann man im Hosho-dai  für 500 Yen eine Schale Tee trinken und den Garten bewundern. – Die Nacht bereitet sich schon auf ihren Dienst vor, letzte Raben fliegen krächzend in die Weite, sie werden erst bei Tagesanbruch zurückkehren. Die Zeit der Fledermäuse beginnt. Die Zeit der Ninjas. Zeit sich im engen Baderaum ebenfalls zu waschen und in den bequemen Yukata zu wechseln.

Das Hakketei hat fünf Zimmer, drei kleine, mit weniger Blick auf den See und zwei grosse, zehn Tatami Räume, über Eck verglast, über dem See. Diese Zimmer können auch für Anlässe, Essen und Teezeremonien genutzt werden. Restaurant und Inn, steht stolz auf der Visitenkarte. Wie das Gebäude, so ist auch der Besitzer, ein ehemaliger Designer, Architekt, der ein gutes Englisch spricht, unkompliziert. Keine unnötige Etikette lähmt den Genuss, fast schon charmant altbacken. Und dennoch, das Abendessen, es wird in Rolfs Zimmer, auf einem wunderbaren roten Lacktisch, von einer älteren Frau im Kimono, serviert. Zwar kommt sie nicht auf den Knien ins Zimmer, aber sie kauert jedes mal kurz hin, eine scheue Andeutung der tradierten Etikette, wunderbar. Und das Essen ist sensationell, steht der Parforceleistung im Wa no sato in nichts nach. Die Speisefolge ist vom Besitzer in Englisch, von Hand geschrieben und mit Tipex mehrere Male korrigiert worden. Umeshu mit Soda, Sashimi mit Jakobsmuschel, Hikonebeef mit Ginger, Nabe mit Ente und Pilzen, und und und... Herr Kiyotaka meint, er sei überrascht, dass wir alles gegessen hätten. Wir sind es auch, kriechen voll, aber glücklich unter unsere Futons. Auch der Garten schläft, der Plan Lumiere ist um 21.30 Uhr abgestellt, die Touristen ausgesperrt worden.

 

Am Morgen hat der Himmel tatsächlich ein Einsehen. Die Sonne lächelt zu uns herunter, lässt wunderbare Schattenspiele auf den noch geschlossenen Shojis tanzen. Ein Film in schwarzweiss, ein Scherenschnitt. Wir schieben die Shojis auf, geniessen die unglaublichen Ein-, Durch- und Ausblicke. Ein Feuerwerk an räumlichen Eindrücken der geometrisch sehr einfachen Grundrisskonstellation. Geometrisch in der Anordnung, organisch im Erleben. Die sekündlich wechselnden Lichtstimmungen lassen neue Ornamente erscheinen, verändern die Gemütslage. Ich sitze in einem Instrument, das mit mir kommuniziert, mir Geschichten erzählt. Wunderbar!

 

Vorsichtige Sonnenstrahlen wagen es, die Erde zu berühren, auch der Garten des Hakketei erblüht im smaragdenen Grün des zarten Morgenlichtes. Jetzt verstehe ich die Bedeutung des Wortes 'Lustwandeln'. Der Garten ist noch geschlossen, als Gäste können wir jedoch in klapprigen alten Getas von unserem Essraum direkt in das Paradies schlüpfen. Ich entdecke das Parfum der frischen Kieferntriebe. Ein klebriger Honig, Salbe für die Hände, Met für die Seele. Lisa sitzt einsam meditierend auf einem kleinen Stein, vor ihr liegt das wunderbare Bild einer Paradieslandschaft. Und weil wir uns im Paradies befinden, dösen Schildkröten um jeden warmen Sonnenstrahl buhlend auf kleinen Steininseln. Langes Leben, schreit ihr weit geöffneter, nach Luft hächelnder Rachen. Blaue Lilien säumen das gebogene Steinbrückchen, den einzigen Lebensnerv, der das Paradies mit dem Teepavillon verbindet. Ein Karpfen springt übermütig aus dem Wasser. Platsch! Nein, Bashio, es war kein Frosch, es war ein Karpfen.

Frei & Ehrensperger Architekten BSA

Anwandstrasse 32

8004 Zürich

+41 44 291 15 83

office@frei-ehrensperger.ch

www.frei-ehrensperger.ch

Copyright 2018 Frei & Ehrensperger Architekten