1/7
gefaltet nicht gefügt

Hiroshige Bato Museum, Nakagawa, Japan

2017

Architekt

Kengo Kuma

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Hier ist kein Gebäude gebaut worden, hier ist Holz in der Tradition von Origami Papier gefaltet worden. Es gibt nur Faltungen, keinen Saum.

21.09.2017

Aus dem Reisetagebuch

Nach 50 Minuten biegen wir auf einen grossen Parkplatz: 'Nakagawa Machi Bato Hiroshige Museum'. Ich will endlich sehen, was in den letzten beiden Wettbewerben zu unserem 'Architektonischen Vorbild' geworden ist. Mein erster Eindruck: Überraschung, das Museum liegt nicht wie erwartet in einer Ebene, sondern direkt vor einem ansteigenden Wald und ist gut 2 Meter vom davor liegenden Parkplatz abgehoben. Das Gebäude liegt also quasi auf einem künstlich angelegten Tablett. Überraschung Nummer zwei: die Farbe des Hauses stimmt nicht mit derjenigen der Publikationen überein. Die Holzlatten sind grau, beinahe schon schwarz verwittert. Der Durchgang durch das Gebäude ist sicht- und spürbar, wirkt aber weniger selbstverständlich als auf den Fotos. Der Gebäudekubus ist bestechend einfach, überzeugt nicht nur auf Fotos, sondern auch in Realität. Hier ist kein Gebäude gebaut worden, hier ist Holz in der Tradition von Origami Papier gefaltet worden. Es gibt nur Faltungen, keinen Saum. Kengo Kuma sagt, er verfolge die Tradition der alten Ukyo-e Meister, die keine uns bekannte Perspektive anwenden, sondern die Tiefe mittels Schichten andeuten. Wie ein Holzdruck wird die Gebäudehülle in einzelne Schichten zerlegt, gefaltet. Das gefaltete Papier kennt keine Trennlinien, ist nicht gefügt. Damit verschmelzen Innen und Aussen ohne trennende Funktionalität. Wenn das Wort harmonisch passt, dann hier. Homogen. Unglaublich konsequent.

 

Nur, was ist das denn? Die Dachlatten sind krumm und grausam verwittert. Hoppla! Teilweise fallen sie beinahe herunter. Diese Lattenhaut muss bald komplett erneuert werden. Das darf man einem Schweizer Bauherrn nicht zeigen. Nur, die Aufgabe des Lattenrostes ist es nicht, das Wasser abzuhalten, sondern die riesige Dachfläche in den Kontext massstäblich einzupassen. Er kann jederzeit erneuert werden, ohne dass die Funktionalität des Gebäudes darunter leidet. Wabi und Sabi.

 

Ich bin komplett verunsichert. Ein Gefühl, dass sich hinter dem Haus, im Steingarten, unter dem Vordach mit Blick in die Eingangshalle sofort wieder relativiert. Wunderschöne, feine Raumkonstellationen, Ein-, Aus-, Durchsichten. Fantastisch. Unglaublich einfache, selbstverständliche Details, wie sie wohl nur in Japan möglich sind. Zwischen den grossen Einfachverglasungen kaum 5mm Kitt, kein Profil, rein gar nichts. Die Glashaut ist tatsächlich eine Glashaut ohne störende Profile. Die Schiebetüre ist leicht und ohne übermotivierte Gilgen Technik, die Böden praktisch fugenlos. Grosses Theater. Die Wände zu den zwei Ausstellungsräumen sind mit Shojipapier beklebt, wunderbar hinterleuchtete Papierlaternen. Die Ausstellung selbst lohnt nicht, wenig Hiroshige und auch, erstaunlich, gemessen am grossen Baukörper, wenig Ausstellungsfläche. Der Gesamteindruck ist also durchaus zwiespältig. Einerseits Begeisterung, andererseits ungläubiges Staunen. Wie in Ginzan altert auch dieses Gebäude äusserlich gar nicht gut, es verfault. Muss das wirklich sein? Anderseits beeindruckt die Gesamtkonzeption, die Kompromisslosigkeit der Details. Aber wie in Ginzan ist es nicht die Struktur, die altert, nicht einmal die Gebäudehülle die erneuert werden muss, es ist die äussere Haut, die wie bei einem Menschen abgenützt und von Zeit zu Zeit erneuert werden muss. Das Gebäude ist kein Monument, es ist ein organisches Lebewesen. Das gibt zu denken.

Frei & Ehrensperger Architekten BSA

Anwandstrasse 32

8004 Zürich

+41 44 291 15 83

office@frei-ehrensperger.ch

www.frei-ehrensperger.ch

Copyright 2018 Frei & Ehrensperger Architekten