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identität

Aappillatoq, Grönland, Arktis

2016

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

16.08.2016

Aus dem Reisetagebuch

Die Silver Explorer ankert vor der Küste, die Zodiacs werden gewassert, ein Scoutboot kündigt unseren Besuch an. Die Landestelle liegt in einem geschützten Hafen versteckt für uns nicht einsehbar. Aappillatoq lebt vom Fischfang, welches grönländisches Dorf nicht, die Fischfabrik liegt prominent neben der Landestelle. Es scheint aber gerade nicht gearbeitet zu werden, die Fischerboote liegen im Hafen, im Schlick der Ebbe, Netze werden geflickt und - Häuser gebaut. Es ist Sommertime, man geniesst die Sonne und den Müssiggang. Gejagt wird im Winter! Die wenigen Leute grüssen freundlich, sind aber sehr scheu, vielleicht sprechen sie kein Englisch. Es gibt nicht (noch nicht) einen einzigen Souvenierladen in Aappillatoq, dafür einen grossen Supermarkt, direkt neben der Fischfabrik, wo sich die Einheimischen mit den lebensnotwendigen Dingen ausrüsten können. Nesquik und viel Nestle ist natürlich auch im Angebot, Fertignudeln und Gewehre. Alles für den Jäger. Die Nahrungsmittel werden von Greenland Air eingeflogen, Aappillatoq hat dafür einen Heliport, für Notfälle. Carol, die Amerikanerin, fragt einen Einheimischen, was man dieses Jahr den so gejagt habe. 'Vier Eisbären und Robben' meint der zahnlose Jäger stolz. Und tatsächlich, als bedürfe es eines Beweises, trocknet hinter dem Gemeindehaus ein riesiges weisses Bärenfell, der Kopf schaut irgendwie traurig drein, ohne Hirn und Augen. Die Grösse des Tieres ist beeindruckend.

Eine geteerte Strasse gibt es nicht, sandig kiesige Wege führen durch die lockere Ansammlung der unterschiedlich farbigen Häuser, die alle dem gleichen Bauplan zu folgen scheinen. Rechteckiger, manchmal quadratischer Grundriss, Eingangsportiko, ein mit Dachpappe belegtes Steildach ohne Auskragung, mit einem Fenster im Giebel, meistens Holzkonstruktionen, die auf Pfählen vom Boden abgehoben stehen. Ein Pfahlbaudorf. Wahrscheinlich will man einen von Schnee und Kälte geschützten Bereich unter dem Haus nutzen können. Vordächer fehlen, was den Giebelhäusern einen kubischen Ausdruck verleiht und mich an skandinavische Vorbilder erinnert. Ausnahmen dieser Regel sind die Schule und die gleich daneben stehende Kirche. Ein roter Holzbau mit Giebeldach und einem kleinen Glockenturm, als Kirche deshalb gut auszumachen. Gleich daneben ist der Friedhof ausgespart, ein mit einem weissen Staketenzaun gesichertes Quadrat. Ich sehe sieben neue, mit Plastikblumen reich geschmückte Gräber. Die rot gekleideten Eindringlinge sammeln sich, denn um 15 Uhr wird in der Kirche für uns gesungen. Eine nordische Stabkirche mit dem typischen kleinen Turm, die über eine breite weisse Treppe bestiegen werden muss. Eintauchen in eine andere Welt. Im Rumpf eines Schiffes, Holzbänke, weisses Täfer, vereinzelt barock anmutende bunte Verzierungen, die Leuchten in Kerzenform. Der lokale Chor gibt uns zu Ehren ein Ständchen. Da stehen sie also, die kleinen, krummbeinigen Männer mit ihren stoppeligen Bartansätzen, den zahnlosen runden Gesichtern, in welchen wache, aber meist traurige schwarze Augen sitzen. Man sucht noch die Notenblätter, bespricht die Lieder, die man singen will. Das Lied über den Sommer, der endlich da ist. Lieder so lange wie die dunklen Winternächte. Ruhig und gleichmässig, als gäbe es kein morgen. Der Gesang erinnert mich an Lieder aus Polynesien, aus Hawai. (Dabei war ich nie da...) Der Organist, ein älterer Mann mit zwei Brillen auf dem Kopf, offensichtlich ein Intellektueller, auf jeden Fall der musikalische Leiter, gibt auf seinem Klavier den Ton vor. Die Sänger und zwei Sängerinnen tragen Uniform, ein weisses, traditionell besticktes Hemd. Ziemlich beeindruckend. Jesus am goldenen Kreuz hängend, schaut geduldig zu, wie er das schon seit seinem Tod tut. Aber hier, in dieser Kälte der Arktis, muss es ihn doch frieren, denke ich mir. Die Inuits haben Eisbären und Wale gegen das Christentum eingetauscht. Merkwürdig. Lisa und ich kneifen, suchen unsere Ruhe auf einem anderen Hügel mit einem guten Blick über das Dorf. Aus dieser Perspektive fällt die disperse Siedlungsstruktur noch stärker auf, die runden Felspartien werden zu weidenden Elefantenkörpern, oder nein, zu Walrücken, die aus dem Meer aufzutauchen scheinen. Das Eckige trifft das Runde. Aappilattoq überrascht durch unerwartete, spektakuläre Weitblicke auf einen gegenüberliegenden Gletscher, auf das weite Meer, der Atem des Jägers und unmittelbar daneben bilden die Felsen eine intime Barriere, stauchen die Häuser visuell zu einer Einheit zusammen, eine Art schützende Stadtmauer bildend. Enge und Weite, Ordnung und Chaos. Die Häuser spielen gekonnt mit der Perspektive der Landschaft, benutzen diese wie ein japanischer Garten es tut. Überraschend. Je nach Blickwinkel bin ich allein oder Teil der Gemeinschaft. Ziemlich gut! Kann das Zufall sein?

 

Lisa und ich streifen ziellos durch das Dorf, über Wiesen und Sandwege, das Grün verbindet die Siedlung im Sommer, wie der Schnee dies im Winter tut, sehen tatsächlich unseren ersten Eisbären (vielleicht auch eine Eisbärin...)! Oder besser, das Fell des Bären, welches vom Bären getrennt zum Trocknen über einer Veranda hängt. Ein imposantes Tier so ausgebreitet. Immerhin ist der Eisbär das grösste Landraubtier. Die kleinen Häuser stehen alle für sich allein, vielleicht aus Angst vor Feuer, vielleicht auch nicht. Holzgewordene Iglus. Iglus stehen auch nicht zusammen, oder? Wie die einzelnen Familien wohl die Farbe ihres Hauses bestimmen? Und wie wird die Lage der Häuser definiert, sie stehen komplett unterschiedlich orientiert, aber den gleichen Grundriss benutzend. Woher stammt das Bauholz, denn Bäume gibt es keine. Und wo sind die Schlittenhunde, ich sehe keinen einzigen. Auch Schlitten sind nicht zu sehen, dafür ein Traktor, der gerade damit beschäftigt ist, Kies und Sand von A nach B zu fugen. Gestrandete Motorschlitten, die gibt es zuhauf, liegen scheinbar vergessen zwischen den Häusern. Ja, zwischen den Häusern! Das Dazwischen ist lieblose Brache, die im Winter von einer weissen Decke zugedeckt wird, im Sommer jedoch den Blick unter die Bettdecke erlaubt. Es scheint schwierig, hier im Wilden Westen Grönlands Material zu bekommen, aber noch viel schwieriger, ausgedientes, kaputtes Material entsorgen zu können. Dieses liegt als Abfall, Müll sorglos herum. Überall! Kaputte Fahrräder, kaputte Schlitten, ausgediente Matratzen, Kleider, alles halt was im engen Häuschen keinen Platz mehr hat. Die Strassen, oder besser Wege, sind noch nicht geteert, an der Beleuchtung wird gearbeitet. Im Sommer gibt es einiges zu tun, Hauptjagdzeit ist der Winter, jetzt werden Häuser repariert, wird die Sonne genossen. Vor den Häusern stehen vereinzelt Sofas, ganze Sitzgruppen und warten offensichtlich darauf, in Aktion zu kommen. Heute wäre ein solcher Tag, eindeutig. Das ganze Dorf scheint einen Sommerschlaf zu machen. Carol weckt es aber auf, mit einem Frisbee und viel Sozialkompetenz. Binnen Minuten hat sie ein veritables Team zusammen, das der kleinen Scheibe nachhechtet. Toll. Lisa und ich wollen zurück aufs Schiff bevor die enthusiastischen Hicker die Zodiacs stürmen. Im gedeckten Bereich der Fischfabrik lungern vier rauchende Männer herum, vielleicht warten sie auf Arbeit. Eine richtige Menschenansammlung dünkt mich. Ich verlasse den Ort mit einer gespaltenen Seele. Im Sommer wirkt Aappillatoq freundlich und farbenfroh, heiter sogar, obwohl die Menschen fehlen, uns scheu ausweichen. Aber es liegt auch eine bleierne Schwere zwischen den Häusern, wohlwissend, dass der nächste, lange, dunkle Winter bald wieder kommt. Und es ist der Winter, der Schnee, die Dunkelheit, welche das Sozialleben der Inuits geprägt hat. Der Sommer ist Neuland für sie, ungewohnter Müssiggang, keine Jagd, in einem fremden Iglu lebend. Und - es ist eine abgeschlossene, introvertierte Welt ohne Seidenstrasse, ohne Handelsrouten, ohne grossen Einfluss anderer Volksgruppen. Vereinzelt ein fremdes Schiff, Besuch eines anderen Stammes, aber bevor die Franzosen und Engländer gekommen sind, kein Handel, wozu auch. Ein traditionelles Inuitdorf hat alles, was es braucht. Ist unabhängig. Frei! Heute gibt es Besitz und Abhängigkeiten. Aappillatoq ist auf den ersten Blick unscheinbar, nach und nach erschliessen sich jedoch spektakuläre Einblicke, welche die Entwicklung der Menschheit offenlegen. Eine Gesellschaft, die in sich selbst ruht, dem Fortschritt abschwört. Notgedrungen. Ein Leben in sich ständig wiederholenden Kreisen. Und doch ist jeder Kreis einmalig, anders, weil er von unterschiedlichen Menschen gelebt wird. Von Generation zu Generation. Auch das ist Fortschritt. 

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