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das denken einmal pflegen

Ise Shrine, Ise-Shi, Japan

2017

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine Reduktion - Abstraktion

Bausteine Zeit - Vergänglichkeit

Warum wird ein Gebäude alle 24 Jahre abgebrannt?

05.09.2017

Aus dem Reisetagebuch

 

Denkmalpflege: Das Denken einmal pflegen

Warum wird ein Gebäude alle 24 Jahre abgebrannt?

 

Shintoismus ist die ursprüngliche Religion der Japaner, in welcher Naturkräfte die Objekte der Anbetung waren. Unter diesen Naturgöttern, Kami genannt, gab es im Shintoismus keine absolute Gottheit, welche alles beherrschte und regelte. Vielmehr wurde die, die Welt gestaltende Funktion, durch ein harmonisches Zusammenwirken der einzelnen Kami, ihrer jeweiligen Domäne entsprechend erreicht. Dem Shintoismus liegt eine Grundhaltung dem Leben gegenüber, welche mit makoto - no - kokoro, ein wahrhaftes Herz oder magokoro, true heart beschrieben werden kann. Eine Eigenschaft welche das Vertrauen der Kami in die Menschheit symbolisiert. Im Shintoismus hat es deswegen keinen Platz für privaten Egoismus, denn dieser würde dem Geist der Götterverehrung widersprechen. Verallgemeinernd könnte man sagen: Shintoismus fördert den tiefen Wunsch, jede Arbeit so gut wie möglich auszuüben und dabei in einem gesellschaftlichen Einklang zu leben. Individuum und Gesellschaft. Die Gründe einer solchen Lebensauffassung müssen in einem tiefverwurzelten Bewusstsein für das 'Göttliche' liegen. Diese Eigenschaft hat die japanischen Anstrengungen in literarischen, künstlerischen und architektonischen Bereichen massgebend befruchtet. So wird zum Beispiel der grosse Schrein von Ise als ein Symbol grössten Respektes für den Kaiser, aber auch des Besten der Kultur, Geschichte und nationaler Identität der Japaner verehrt.

 

Wer den Iseshrine (ich spreche von inneren Shrine) zum ersten Mal besucht, mag vielleicht enttäuscht sein. Denn es gibt fast nichts zu sehen. Der Spaziergang über eine leicht gewölbte Bogenbrücke führt in einen dichten, wunderbar mystischen Zedernwald. Der westliche Betrachter wird erstaunt feststellen, dass einzelne Bäume Socken tragen, dass die Stämme mit Bastmatten umwickelt werden. Dann  steigt man eine unebene mit Steinen ausgelegte Treppe empor und steht vor einem riesigen, im Wind flatternden Tuch, der einzige Ort, der es einem ermöglicht, wenn Susanno no Mikami, der flegelhafte Windgott dies ermöglicht, einen Blick auf den eigentlichen Shrine zu erhaschen, denn dieser ist hinter einer hohen Palisadenwand versteckt. Trotzdem pilgern jährlich Millionen von Japanern hierher, erbieten dem Shrine und der darin wohnenden Göttin Amaterasu ihren Respekt. Da gibt es nichts – und doch alles.

 

Aber damit nicht genug, der verblüffte Westler erfährt, dass eben dieser doch so wertvolle Shrine alle 24 Jahre abgebrannt wird, nachdem daneben in dieser Zeit ein vollkommen identischer, neuer Shrine gebaut worden ist. Die Materie des Allerheiligsten wird regelmässig vernichtet. Man stelle sich die Empörung unserer Denkmalpflege vor, die Materie beinahe schon dogmatsich schützt. Also versuche ich das 'Denken einmal zu pflegen'. Ich überlege mir, was dieses Verhalten in Japan wohl bedeutet.

 

Es muss mehr geben als die Materie, wenn diese regelmässig verbrannt werden kann. Geschützt ist nicht das Material, sondern der Geist in welchem der Shrine zusammengesetzt wird, was die Fähigkeit zur Abstraktion voraussetzt. Durch das regelmässige exacte Duplizieren wird aber auch eine handwerkliche Messlatte gesetzt. Der Neubau folgt exact vorgeschriebenen Traditionen (traditio = übergeben), welche am Ise Schrein eingeübt werden müssen. Ich glaube es gibt kein Handwerk, keine Kunstrichtung welche sich nicht am Neubau des Iseschreines beteiligt ist, sich dort beüben kann und muss. Lebendige Tradition. Eine Art Bauhütte, nur handwerklich noch breiter abgestellt. 

 

Die Tradition, wie gebaut wird, hat sich über die Jahrhunderte nicht geändert, man könnte meinen, sie sei veraltet und werde dem Volk aufoktruiert. Aber genau das Gegenteil ist der Fall. Der Neubau ist ein mögliches Vorbild effektiv gelebter Demokratie. Zwar darf der 'Japaner' nicht mitreden, dafür darf er mittun. Beim Bau gibt es tausend Rituale, Feste, in welchem das 'Volk' beim Bau beteiligt ist, Rituale in welchem jeder Generation die Bedeutung der Anlage in Erinnerung gerufen wird. Rituale beim Pflanzen des Reises, beim Ernten des Reises, beim Purifizieren der Holzstämme, die vom Volk durch das heilige Wasser gezogen werden, wenn die Kieselsteine für den Inneren Bezirk ausgewählt werden, wenn diese auf den Boden gelegt werden, wenn die Stoffe für die Verpackung der rituellen Gegenstände gewoben werden, usw.

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