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dualismus

Itsukushima Shrine, Miyajima, Japan

1985 / 2017

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Miyajima, wo sich der Shinto mit dem Buddhismus vermählt hat. Der Shrine ist der klassische Schatten unter einem Dach, ein spirituelles Zelt.

05.04.1985

Aus dem Reisetagebuch

Umsteigen in Hiroshima, im Lokalzug nach Miyajima Gummi, dem Hafen von Miyajima. 30 Minuten Fahrt durch Vororte Hiroshimas. Mit der JR Fähre übersetzen. Ursprünglich durfte man auf dieser, für den Shinto heiligen Insel, nicht wohnen. Heute ist das anders, aber die Touristen müssen früh am Abend übersetzen, nach 17.00 Uhr gibt es keine Fähre mehr. Spaziergang zum Ryokan Iwaso, durch die touristische Einkaufsstrasse. Textile Zeltkonstruktionen verleihen der Strasse eine mediterrane Stimmung. Auch hier ein Geschiebe und Geschosse, die Gasse ist eng, die Souvenirläden laden zum Stehenbleiben ein. Es gibt viele Imbissstände und - frische Austern vom Grill. Rolf und ich testen eine, mit Sojasauce und Gewürz. Lecker. Die Austern kommen aus den Zuchten vor der Insel. Frischer geht‘s nimmer. Die Austernsaison hat gerade angefangen und dauert von Dezember bis Februar. Glück gehabt. Vorbei am Itsukushima Shrine, dem Wahrzeichen von Myajima. Ein Shrine aus dem 6.Jh. datiert, der dann von Taira no Kiyomori 1168 seine heutige Form erhalten hat. Das grosse Tor, das O-Torii, steht seither geduldig im Wasser und wiedersteht der täglichen Ebbe und Flut. Es ist gerade High Tide, das Wasser steht hoch. Miyajima, wo sich der Shinto mit dem Buddhismus vermählt hat. Eine einmalige Ehe. Der Weg der Götter scheint recht tolerant zu sein.

 

Ein Spaziergang durch die 300 Meter offenen Holzkorridore, die, wie eine Installation von Christo, nur besser, an den fünf Hauptshrinen vorbeiführen. Eine Überlagerung von horizontalen Emotionen mit vertikalen Konstruktionen. Ein Netz von Weit-, Aus-, und Durchblicken. Der Hauptshrine liegt mittig, hinter einer grossen, offenen  Plattform, die für Bungaku und andere Anlässe gebraucht wird, mit Blick auf das weit aussen, im Meer stehende Torii. Überhaupt, wo man sich auch befindet, das Torii fungiert als landschaftliche Verankerung, als Kompass. Der Itsukushima ist eine annähernd symmetrische Anlage, wären da nicht die Nohbühnen, die nicht im orthogonalen Ordnungsprinzip, sondern leicht abgewinkelt dazu gebaut worden sind. Zwei wunderbare hölzerne Hallen, nicht in den schützenden Farben des Shrines, orange gelb, sondern naturbelassen, mit den, für Nohbühnen charakteristischen Zedernbäumen, als feste Kulisse. Diese Nohbühne wird nicht nur über die Korridore des Shrines, sondern auch über eine stark gebogene dunkle, fast schwarze Holzbrücke spektakulär mit dem Festland verbunden. Heute ist der Shrine tagtäglich Pilgerort für tausende Japaner. Aber, er wird auch für zahlreiche unterschiedliche Rituale als unentbehrliche Kulisse gebraucht: für das Ballspiel der Männer 'Tamatori-Sai', im Wasser, für die Pfeilzeremonie 'Momotesai', für das Vorspiel zum Noh, dem Bunkaku und natürlich für die Feste der drei Hauptgöttinnen. Der Itsukushima lebt, das Volk ist Bestandteil, die Kinder lernen durch die Feste die alten Traditionen. Das fehlt bei uns grösstenteils. Wir erzählen keine Geschichten mehr, leben keine Rituale.

 

Miyajima, wo sich der Shinto mit dem Buddhismus vermählt hat. Der Shrine ist der klassische Schatten unter einem Dach, ein spirituelles Zelt. Der Shrine ist noch eine Stunde geöffnet. Das Wasser ist mittlerweilen wieder auf dem Vormarsch, holt sich das periodisch verlorene Terrain langsam zurück. Der Shrine selbst steht noch im feuchten, von Algen bedeckten Schlick, das Tori wird bereits wieder von gefrässigem Wasser umspült. Bisher war ich immer bei High Tide im Shrine und das letzte Mal konnte ich die Ebbe in der Nacht erleben, der Shrine war dannzumal geschlossen, nicht begehbar. Heute stehe ich auf dem auf tausend Holzpfählen stehenden Holzgebäude, das noch mehr als Steg zwischen den Welten erscheint. Die romantischen Spiegelungen, die Lieblichkeit, sie fehlen, die Sinne sind auf das Gebäude gerichtet. Man erkennt, worauf das Gebäude steht, ein raffiniertes Pfahlbauerdorf, es ist geerdet. Ein für mich elementar neuer Eindruck. Itsukushima schwimmt nicht, er steht. Nicht, dass ich dies nicht gewusst hätte, aber heute erlebe ich es. Der vertikale orange Stützenwald hat unter der vertikalen Plattform seine Fortsetzung. Aber nicht mehr lange, das Wasser blubbert herein, füllt die vereinzelten Lachen, verbindet sie zu einer Gemeinschaft, dem Meer. Die allumfassende Gemeinschaft des Wassers. Der Shrine beginnt wieder an zu schweben, versteckt seine Füsse. Knapp 5 Meter von mir entfernt steht ein einzelner Kranich im Schlickwasser und spienzelt nach Fischen oder Krebsen. Ein majestätischer Kerl mit weissem Gefieder und zwei über dem Kopf abstehenden Federbüschen. Erst macht er sich lang, streckt sich, als will er sich von möglichst weit oben den Überblick über sein Jagdrevier verschaffen, dann sinkt er in sich zusammen, wird zum flachen Schleicher, der sich gebückt in perfekter Indianermanier anpirscht, dann wieder putzt er lässig sein Gefieder, seinen langen schwarzen Schnabel als spitzige Pinzette benutzend. Mittlerweile steht er in 30 Zentimeter hohem Wasser, das gehen wird schwieriger, wie ein Pantomime hebt er weit ausholend seine langen Beine. Ein wunderbares Schauspiel. Auch heute entdecke ich wieder neue, mir bisher unbekannte Blickwinkel. Der Film Itsukushima wird neu gedreht. Ich verliere mich über eine Stunde im orangen Labyrinth und sehe, wie Lisa bereits auf der noch nicht überfluteten Sandbank neben der Nohbühne vor sich hinträumt, ihre Flip Flops in der Hand tragend.

10.10.2017

Aus dem Reisetagebuch

 

Miyajima ist für mich das Venedig Japans. Eine ähnliche Magie, welche diese beiden einmaligen Orte emotional verbindet. So scheinbar unterschiedlich und doch so gleich: die insuläre Situation, das auf dem Wasser schwebende, scheinbar, die Pfählung im Sand. Spielball der Gezeiten, das Aroma des Meeres, das räumliche Labyrinth, wo bin ich, das sich Verlieren im Raum, auch in mystischen Geschichten, die um den Ursprung der Entstehung ranken. Die jahrhundertelange Unveränderlichkeit. Das Stabile und gleichzeitig Fragile. Immer gleich und doch jeden Tag anders, neu erschaffen vom Meer. Gestreichelt von Wasser, aber auch von diesem bestraft, je nachdem wie es die Götter so wollen. Die Leere der Nacht, die Jungfräulichkeit der Dunkelheit, die touristische Überschwemmung während des Tageslichtes. Die klare Grenze der Insel, eine Insel des Geistes. Man glaubt sie zu kennen und entdeckt sie doch jedesmal neu. Ein Spiegel seiner eigenen Seele. Ein gedanklicher Jungbrunnen. Unverrückbar. Die Inkarnation der Gegensätze.

 

Während die westlichen Konzepte in gut und schlecht unterscheiden, nicht so die mir bekannten japanischen Konzepte: hier koexistieren gegensätzliche Kräfte gleichbedeutend und werden nicht in einer hierarchischen Ordnung über- oder unterstellt. Um eine Idee zu erläutern, gebraucht der Japaner oftmals zwei Ausdrücke, die sich auf den ersten Blick zu widersprechen scheinen. Im Gegensatz dazu tendiert der Westler dazu, ein besonders komplexes Fremdwort zu gebrauchen oder möglicherweise mehrere fremd klingende Wörter, mit welchen er versucht, den Grundgedanken seiner Idee zu umschreiben. Vereinfachend, und möglicherweise ist das zu einfach, könnte man sagen, dass die Art wie Japaner die Sprache gebrauchen darauf basiert, den Zuhörer aufzufordern, seinen Gedanken selbst zu formulieren, er liefert lediglich Grundlagenmaterial. Im Westen glaubt man jedoch daran, dass ein Gedanke, durch die Wahl des 'richtigen' Wortes vollständig übergeben werden kann. Im einen Fall wird versucht, das Hirn zu aktivieren, den Zuhörer zu animieren, den Gedanken selbst zu formulieren, im anderen Fall wird das Hirn passiv, als eine Art Empfänger genutzt. – Mir fällt auf, dass das Hegelsche These-Antithese Prinzip einer Gesprächsführung in Japan deshalb vollkommen nicht taugt. Ich unterbreche den Sprechenden nicht, werfe ihm keine Gegenthese entgegen, sondern höre geduldig zu. Warte ab. Es wird der Moment kommen, wo ich spreche und man mir zuhören wird, der andere dann schweigt.  

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