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die natur des zufälligen

Kokedera, Kyoto, Japan

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

13.04.2015 

Aus dem Reisetagebuch

Mit dem Taxi hinüber zum Kokedera, dem widerspenstigen. Ohne schriftliche Anmeldung Wochen im Voraus erhält man keine Bewilligung den Garten sehen zu dürfen. Der Kokedera ist ein UNESCO Weltkulturerbe, seit 1994, und eine Anlage mit Geschichte dazu. Ursprünglich von Kobori Enshu als Jodo Tempel gegründet wurde der Tempel von Honen zu einem Rinzai Zen Tempel umgeweiht. Muso Soseki soll hier gelebt und einen Teil des Gartens selbst entworfen haben. Der Einlass in den Tempel erfolgt 20 Minuten vor 13.00 Uhr, sorgfältig werden die Bewilligungen gecheckt, wird jeder Besucher noch einmal mit 3000 Yen zur Kasse gebeten. Der Zen Weg. Anschliessend geht es in das Hondo, wo für jeden Besucher ein kleines schwarz lackiertes Schreibpult, Pinsel, Wasser und ein Tuschstein warten. Jeder Besucher wird aufgefordert ein Sutra aufzuschreiben, in Japanisch, das heisst in Kanji! Dafür wird ein Papier abgegeben, das Sutra ist schwach lesbar und muss von Hand überschrieben werden. Also tunken wir unseren Pinsel in die bereits angeriebene Tusche und legen los. Kalligrafie als Lebensschule. Der Geist soll sich beruhigen, wird vorbereitet, damit der Spaziergang im Moostempel meditativ genossen werden kann. Nicht alle sehen das so. Mira weigert sich zu schreiben, prustet und empört sich, sie sei hier um Architektur anzuschauen, meint sie. Lisa antwortet, 'nein, du bist hier, weil wir dich eingeladen haben...'  Auf mich wirkt die Exerzitie, mein Geist beruhigt sich, wird heiter und gelöst. Ein Lächeln huscht über mein Gesicht. Nur die Oberschenkel brennen, die Fussriste wollen explodieren. Ich erinnere mich an den 'leeren Spiegel', als ich vor beinahe 30 Jahren in Kyoto meditiert hatte. Lang, lang ist‘s her. Nach einigen Zeilen, die Japaner sind schon fast fertig, kommt der Abt und zwei Mönche, lesen oder ist es ein Singen, das Lotus Sutra mit markiger Stimme vor, begleitet vom rythmischen Schlagen einer Klangschale und einer Holzglocke. Ying und Yang der Töne. Vertraute Geräusche für mich. Der eintönige Singsang, der buddhistische Bolero, berührt, auch wenn ich die Worte nicht verstehe und mein persönliches religiöses Weltbild in keiner Hochreligion zuhause ist. Auch nicht im Buddhismus. Ich kann diesem Ritual trotzdem Respekt abgewinnen, geniesse die meditative Ruhe.

 

Der Besuch des Gartens ist dann frei, kein Aufpasser, keine Hektik, man ist mit sich und dem Moos allein. Herrlich! Der Garten wird durch eine kleines Tor betreten, gleich links dahinter dämmert ein, heute verlassener, Hondo charmant vor sich hin. Ihm zu Füssen liegt eine mystische Feenwelt, in der Form eines Moosgartens. Es muss wunderbar sein, in diesen schattigen Garten hinein meditieren zu können. Wo das Sonnenlicht durch das dichte Blätterdach fallen kann, blendet das giftige Grün, lässt den Blick in die mystische Weite eines Waldes entschweifen, der einen zentralen Teich umgibt. Die Welt der Feen und Kobolde oder die Welt des leeren Spiegels. Der Boden ist mit einem dichten Moosteppich in unterschiedlichen Grüntönen ausgelegt. Es soll in diesem Garten 120 verschiedene Moossorten geben. Mein Auge tritt eine neugierige Erkundungsreise an, kann ich einige Moossorten unterscheiden? Doch mangels Übung fehlt die Tiefe. So schwebe ich gedanklich über den Teppich, registriere sanfte Wellen, wahre Augenbrauen um die Baumwurzeln, die wie kleine Vulkankrater aus dem grünen Meer auftauchen. Das Auge mag sich kaum satt sehen. Sonnenstrahlen finden ihren Weg durch das dichte Blätterdach, werfen scherenschnittartige Schatten auf den Teppich. Die Malerei des Zufalles! Der Weg, zuerst gekiest, dann mit Hölzern befestigt, dann in einzelne Trittsteine aufgelöst, führt als Rundgang um den Teich herum, blau blühende Schwertlinien sind der einzige Farbkontrast in diesem monochromen Grüntee. Ein Garten aus 'Macha'. Sogar die Fische haben ihre Farbe dem trüben Wasser, in welchem sich sogar das Grün nur zögerlich zu spiegeln getraut, angepasst. Riesige Kerle, die wie dunke U-Boote an der Wasseroberfläche ihre Kreise ziehen. Was wohl der Sommervogel denkt, während seines kurzen Fluges! Auch die Schmetterlinge sind gross, schwarz, mit feinen weissen Zeichnungen auf den Flügeln. Fliegende Kalligrafien. Kokedera ist aber nicht nur das Reich des Mooses, sondern auch des Schattens. Lob des Schattens! Kobori Enshu und Muso Soseki sollen die gedanklichen Konzeptgeber dieser Anlage gewesen sein. Der Garten ist kein Zufall, sondern minutiös gestaltet. Vorbei an einem Bambuswald, die mächtigen Stangen häuten sich, werfen ihren Bast ab, ein kleiner Bach rinnt leise blubbernd, schneidet eine scharfe Kante in den grünen Teppich. Geometrie im Chaos der Natur. Oder menschliches Chaos in der Geometrie der Natur? Wer weiss das schon? Der Weg führt durch ein weiteres Tor den Hügel hinauf auf eine obere Ebene. Dort muss auch der Stein sein, auf welchem Muso Soseki meditiert haben soll. Das Moos ist kein Teppich mehr, es versucht sich verzweifelt am brüchigen Untergrund zu halten. Das Leben ist Erosion, hier wird einem diese Tatsache vor Augen geführt. Eifrige Gärtner in ihren grauen Overalls wehren sich gegen dieses Lebensprinzip. Mit langen Strohbesen, die eigentlich eher grossen Kalligrafiepinseln ähneln und korbähnlichen Schaufeln, sorgen sie dafür, das Blätter nicht unbedacht herumliegen. Sie malen die Landschaft, damit diese möglichst natürlich auf den Besucher wirkt. Das Naturverständnis des Japaners ist mit unserem nicht zu vergleichen. Die Natur des Zufälligen, nicht alles was zufällig wirkt ist es tatsächlich auch. Der Rest ist Wildnis. Die gemachte Natur folgt sorgfältig tradierten Erkenntnissen, beschreibt Emotionen, löst diese aus. Auch was selbstverständlich aussieht, ist in Tat und Wahrheit harte Arbeit. Harte Arbeit entspricht aber nicht dem Lebenskonzept der verwöhnten westlichen Gesellschaft. Sie sucht Profit, will profitieren ohne Anstrengung. Spekulation gegen Arbeit. Vielleicht kommt dieses Verständnis der Japaner daher, dass die Wildnis sie recht ordentlich beutelt. Naturkatastrophen sind beinahe alltäglich. Strassen erodieren, es bebt, Taifune rasen über die Insel, Vulkane speien Lava und Asche und wenn all das nicht gerade passiert ist es fürchterlich heiss und feucht. Die nicht vom Menschen gemachte Natur bedroht das Leben des Menschen. Man ist ihr deswegen nicht böse, akzeptiert sein Schicksal und bittet die Götter um Nachsicht. Shinto, der Weg der Götter. Ein tiefes, nachhaltiges Naturverständnis. Ja, ein empfundenes Verständnis, kein dogmatisches Wissen. Respekt und Demut.

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