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was ist gute architektur?

Basler Fasnacht, Schweiz

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Aus 'Was ist gute Architektur? 21 Antworten'

Herausgegeben von Jürgen Tietz

Deutsche Verlags-Anstalt München

'Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.' Friedrich Dürrenmatt

Drei Tage

Was ist gute Architektur? Die Frage ist so statisch wie die einschlägigen Antworten. Architekten schreiben nicht über Architektur. Sie bauen. Kritiker bauen nicht. Sie schreiben darüber, was gute Architektur sein mag. Gute Architektur ist also nicht gebaut, sondern entsteht in den Köpfen von Menschen. Vorzugsweise von solchen, die daran verdienen, über gute Architektur zu schreiben. Gut meint hier erfolgreich. Kultur als Konsens einer Zeit. Herkunftswörterbuch: Architektur gleich Baukunst / Baustil. Eine Stilfrage also. Welcher Stil entsteht im Tumbler der Zeit, entpuppt sich nicht als kurzfristige Lifestyle-Attrappe, darf deshalb in den Himmel der Architekturenzyklopädie einziehen? Egal, es wurde verdient. Deshalb der Versuch einer anderen Annäherung.

Basel während der Basler Fasnacht - kein Haus, aber ein Gebäude.

Wer schon einmal während der Fasnacht in Basel war (der Basler bezeichnet die Tage als die drei schönsten Tage des Jahres), wird bestätigen können, dass die Stadt an diesen Tagen zwar kein Haus ist, aber ein wahrnehmbarer Klangkörper, der durch die Musik der Trommeln und Piccolos sowie allerlei anderen Lärm bespielt wird. Ein Gebäude ohne Dach, trotzdem beschützend, ein Gebäude ohne Fenster, aber mit Ein-, Aus- und Durchblicken. Ein Gebäude mit Boden und Wänden. Nur dass diese Wände echte Häuser sind, und auf dem Boden zumeist Autos fahren. Auch in Kinderzimmern fahren manchmal Autos, meine ich mich zu erinnern. Und gerade während der Fasnacht werden die Strassen zu Wohnzimmern, die Plätze zu Konzertsälen, die lauschigen Gassen zu intimen Rückzugsorten. Die Autos sind verbannt. Die Bewohner nehmen ihr Gebäude in Besitz. Architektur, Gebautes wird bespielt. Architektur ist die Kunst, dieses Spiel zuzulassen, sie schafft Instrumente. Gespielt von Personen, aber auch Licht und Düfte spielen im Konzert-Leben mit.

Während der Fasnacht nimmt sich jeder Akteur unheimlich wichtig, sucht seine Bühne. Möchte gerne der König sein. Die Anarchie der Einzelinteressen. Die Erfahrung des Betrachters ist eine andere. Die einzelnen Bäume zählen nicht, sie verschmelzen zum Wald, zur Gemeinschaft. Zu einem Gesamtkunstwerk. Auch das Licht sucht sich seine Bühne auf dem Weg durch den Dschungel der verbauten Materien. Im Gegensatz zum Menschen unbeirrbar, emotionslos. Bis es von einem Material zurückgeworfen wird. Reflexion. Gebautes ermöglicht oder verunmöglicht. Es ist nicht möglich, ohne diesen Konflikt auszukommen. Gescheiter, ihn zu akzeptieren. Gegensätze bedingen sich. Eng - weit, hoch - tief, dunkel - hell, alt - jung. Es gibt nicht richtig oder falsch, sondern ein Wirken in Abhängigkeiten, mit Vor- und Nachteilen. Ohne Gegensätze keine Spannung. Gute Architektur ist immer auch schlechte Architektur. Lob des Schattens. Gute Architektur wertet nicht. Sie lässt offen, und doch ist sie entschieden. Nicht die räumlichen Konstellationen müssen komplex sein, denn deren Zusammenspiel ist es. Es gibt so etwas wie die einfache Form des Komplexen. Einfach, selbstverständlich, aber nicht banal. Gute Architektur will erfahren werden. Unter ihrer Oberfläche erschliessen sich Tiefen, Schichten. Geschichten. Die Sehnsucht nach Geschichten lässt den Menschen wiederkommen.

Die Trommeln geben den Rhythmus der Wiederholung, das Strukturierende, das uns Verbindende und die Piccolos trillern die Melodie, das Umfangende des Einzigartigen, das uns Trennende. In Rhythmen erkennen wir uns, mit Melodien träumen wir. Man hat nie alles gesehen, alles erfahren. Das Bild verändert sich stets. Schönheit ist ein flüchtiger Begriff, der jeden Tag neu geboren sein will. Gefallen fällt ab. Die Fasnacht ist nicht schön: Die Bilder entstehen scheinbar zufällig. Wie sagt Friedrich Dürrenmatt: 'Je planmässiger die Menschen vorgehen, desto wirksamer vermag sie der Zufall zu treffen.' Zufälligkeit ist nicht mit Beliebigkeit gleichzusetzen. Zufälligkeiten wird es immer geben, auch wenn man vermeintlich alles kontrolliert. Die Kunst des Loslassens. Japaner sagen, dass der Mensch nichts Symmetrisches schaffen sollte, da symmetrische Dinge es dem Betrachter verunmöglichen, etwas hinzuzufügen. Der Betrachter ist ausgeschlossen. Wer möchte schon ausgeschlossen werden? Das unperfekte ist lebendig. Es lässt teilhaben.

Die Fasnacht hat nicht den Anspruch des Perfekten. Vielleicht deswegen, weil man es sich während der närrischen Zeit leisten kann oder will, einmal nicht perfekt sein zu müssen. Auch die Stadt hat im Gegensatz zu einem Haus nicht den Anspruch auf Perfektion. Die Stadt ist Synonym für Beständigkeit und Erneuerung zugleich. Sowohl als auch. Nicht entweder oder. Beim Haus wünscht man eher Dauerhaftigkeit. Weil diese nicht zu unserem sich immer schneller wandelnden Lebensstil passt, haben wir den Begriff der Flexibilität eingeführt. Ein Haus darf sich also nicht verändern, muss aber flexibel nutzbar sein. Gedankliche Präzision verso geometrische Exaktheit. Auch was nicht präzise gedacht ist, kann vermeintlich exakt gebaut werden. Geometrie wird zum Feigenblatt des Unklaren. Das Wort ist geduldig. Ein schlechter Stil. Doch zurück zur Fasnacht und zu Basel.

Der Ausnahmezustand Fasnacht dauert nur drei Tage (und drei Nächte). Und das ist gut so. Alles ist vergänglich. Nichts ist. Alles wird. Gute Architektur ist nicht zu sehen. Aber es gibt sie. Man kann sie nicht bauen. Aber sie ist gebaut. Man muss nicht alles verstehen wollen, um sich dem annähern zu können, was man unter guter Architektur versteht.

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