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Tango tango

Buenos Aires, Argentinien

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

19.01.2015

Aus dem Reisetagebuch

Am Abend, es ist schon dunkel, mit Susanne und Dieter ins Los Laureles im Stadtquartier la Barracca. Der Verkehr nimmt ab, die Strassen werden ruhig, wirken merkwürdig verwaist, kein Shopping, keine Läden. Sogar das öffentliche Licht wird eingespart, der Taxifahrer brettert abenteuerlich über dunkle Kreuzungen, er scheint sich seiner Sache sicher zu sein, hoffe ich wenigstens, für uns! Ich erinnere mich an Strassenszenen in Mexico, an dieses stumpfe gelbliche Licht, abgefackte Häuser, hie und da ein Taxi, nicht gerade viel los hier. Aus dem Los Laureles dringt mattes Hell auf den davorliegenden Strassenraum, auf dem Trottoir isst eine Familie unter einem Baum. Kinokulisse. Die lasziv langsamen Bewegungen scheinen unwirklich, ein für uns inszeniertes Puppenspiel. Heute Milonga! Marcella und Angelo warten bereits. Angelo, ein glatzköpfiger Italiener gesetzten Alters, war Susanne und Dieters Vermieter und ist ein leidenschaftlicher Tangoist. Marcella verzaubert durch ihr offenes herzliches Lachen. Eine mollige Frau aus Patagonien, wie sie mir später sagen wird, geblühmtes, gelb oranges Kleid, blonde kurze Haare, welche das runde Gesicht rahmen. Sie ist Ärztin, übersetzt vom Englischen ins Spanische und - ist Hobbysängerin. Los Laureles, eine grosse, leicht vergammelte Halle beherbergt uns heute Abend, wenige Leute essen an sorgfältig gedeckten Holztischen. Das authentische Buenos Aires haben uns Susanne und Dieter versprochen. Voila. Ich bin zuerst leicht muffig, da kein Fleisch auf der Karte zu finden ist. Mein Ego will Fleisch, gegrillt, jetzt. Der Tango soll warten. Es gibt Milanesa, Schnitzel, mit Gitterpommes. Dazu ein Bier, sorry wir haben nur Literflaschen. Auch recht, der Wein, ein Malbeck mit einer wunderbaren Etikette, ist nicht trinkbar, ha, ha. Dieter entschuldigt sich dafür, dass es noch relativ früh und deshalb das Szenelokal noch ziemlich leer ist. Tangomusik füllt diese Leere, gibt ihr einen Sinn. Ein Paar fängt an, erste Kurven auf das Tanzparkett zu pinseln. Eine Asiatin in Pludderhosen und flachen Schuhen versucht krampfhaft die Höhe ihres Partners zu erklimmen. Verschämt hangelt sie sich an ihm hoch. Eigentlich kann das nicht klappen, trotzdem ist es wunderbar anzuschauen. Die Form des Formlosen. Eine junge Sängerin gibt ein Konzert, von einem Gitarristen begleitet. Inbrünstig teilt sie ihren Seelenschmerz mit uns, schreit ihren Kummer in den hilflosen Raum. Marcella singt schweigend mit, geschlossener Mund, geschlossene Augen, geteiltes Leid ist halbes Leid. Susanne montiert ihre hochhackigen Tanzschuhe, Dieter wackelt unruhig auf seinem Stuhl, es scheint ernst zu werden. Mann und Frau verabreden sich zu einem ersten Tanz. An einem Nebentisch sitzen junge Argentinier. Zwei stolze Gauchos mit zusammengebundenen glatten schwarzen Haarstränen. Goucho und Macho reimt sich. Eine junge Frau mit fein geschnittenem Gesicht, ich nenne sie die 'Feine', und eine recht korpulente Matrone mit knallrotem Haar, Turnschuhen und Tattoos an der Wade, ich nenne sie die 'Rote'. Die beiden Männer fordern zum Tanz, zum gemeinsamen Fliessen. Ja der Tangoist ist kein Egoist. Kann es nicht sein, auch kein Adrenalin erprobter Macho, im Idealfall. Es scheint um das Gemeinsame zu gehen. Und das heisst den anderen zu spüren, vielleicht zu verführen, zu fühlen, auf eine gemeinsame Reise zu gehen. Jemanden zu treffen, der auch so fühlt und einem den Rücken dabei nicht bricht. Die 'Feine' hält ihren jeweiligen Partner auf Distanz, das Gesicht leicht nach unten gebeugt, ihre Augen sind in die Tiefe des Raumes oder in die Unendlichkeit der Zukunft gerichtet. Gelingt das pas de deux, huscht ein seeliges Lächeln über ihr Gesicht. Tango ist wie Sex haben, nur schöner, denke ich mir. Es ist ein respektvoller, zärtlicher Umgang, den die zufällig Zusammengebrachten miteinander verbindet. Aber es kommt noch besser. Die 'Rote' schnappt sich einen dieser glattgekämmten Jünglinge und führt diesen in zuerst weiten und dann doch engen Kreisen über die Fläche. Sie sucht den Kontakt, die Enge, scheint in ihr Gegenüber hinein zu schmelzen, um ihn Sekunden später abzustossen. Und es wird sofort klar. Diese Frau beherrscht das Miteinander. Da wird einer zugeritten. Das muss Tango sein. Dabei verletzt die 'Rote' jede äussere Konvention. Falsche Schuhe, falsche Kleidung, zu dick, nicht gerade was man, also ich, so als typischen Tangotyp erkennen würde. Die Lektion ist jedoch beeindruckend. Die Konvention schmilzt dahin, verliert sich im Ozean der gedankenverlorenen Harmonie. Nicht denken, tanzen Rolli. Auch Angelo lässt sich diese Gelegenheit nicht entgehen und hat ebenfalls Sex mit der 'Roten'. Es ist wunderbar, mit welchem verzückten Lächeln die Männer jeweils an ihre Tische zurückkehren. So ist Sex auch für recht gesetzte Männer ein Vergnügen. Hier dürfen sie fremd gehen. Die Emanzipation des Alters in einer auf Leistung getrimmten Gesellschaft. Tango ist altersübergreifend, im Idealfall Integration der Gegensätzlichkeit. Ab und zu wird eine Zigarettenpause eingelegt, im Freien, dann geht der nächste Tanz los. Quasi zum Aufwärmen werden ein paar Worte gewechselt, beschnuppert man sich, lässt die ersten Noten ungetanzt verklingen. Guter Wein braucht die ideale Temperatur. Erst dann wird Hand angelegt. Die Hände der Männer scheinen mir stereotyp verortet zu sein. Weit gespreizt wird das Rückgrat der Dame gehalten, meist knapp über dem Po. Die Hände der Frauen müssen jedoch auf den Schultern des jeweiligen Partners flirten. Mal wird eng gehalten, zieht Frau das Opfer ganz nahe an sich, mal tanzen die Finger unbeteiligt auf ihrer Leinwand, mal schweben sie entrückt oder verloren im Leeren, der Moment scheint zu zärtlich, um sich berühren zu wollen. Gottesanbeterinnen. Der Macho lebt gefährlich, geht es mir durch den Kopf.

 

Mich dünkt, es brauche Mut, diesen Tanz zu tanzen. Das Wagnis, abzublitzen, auf jemanden zu stossen, mit dem man es einfach nicht kann. Vielleicht auch die Angst ausgenutzt zu werden. Es braucht definitiv eine gute Portion Selbstbewusstsein und den Stolz, sein Ego vergessend, sich selbst bleiben zu wollen. Ein Gedanke blitzt in mir auf. Ich verstehe plötzlich, warum die Argentinier an der Fussball WM gegen uns Schweizer gewonnen haben. Sie sind stolzer, leidenschaftlicher, aber vor allem selbstbewusster, die Argentinier. Vielleicht war es dieses letzte Quentchen an Wille, der den Ausschlag gegeben hat. Bei Shaquiri, diesem Gecken, spüre ich diese Leidenschaft, diesen Stolz nicht. Egal. Vielleicht müssten unsere 'Tschutter' Tango ins Trainingsprogramm aufnehmen?

 

Die 'Rote' kommt von einer Zigarettenpause zurück und angelt sich Marcella. Zwei Frauen, ja aber hallo! Die beiden scheinen auf diesen Augenblick gewartet zu haben. Eng verschlungen suchen sie das Gemeinsame und mich dünkt, sie finden es. Wunderbar. Auch die Frau mit dem feinen Gesicht kommt zurück. Und – tatsächlich, ihr Blick ist eindeutig, sie fordert mich zum Tanz. Wie gerne würde ich dieses Angebot annehmen, aber heute ist es noch der Versuch am untauglichen Objekt. Leider. Voyeur, mittendrin, aber nicht dabei. Nur, was schon dieser Blick in mir auslöst. Ich werde aufgefordert, Mann ist begehrt, oder immerhin Frau ist neugierig auf mich. Der Stolz des Begehrten durchdringt den Körper wie eine wärmende Flüssigkeit. Da ist es wieder, das Dazwischen, zwischen zwei Körpern, zwischen zwei Individuen. Für einen kurzen Moment eins sein. Darum geht es doch wohl im Leben. Das Ganze ist mehr wie die Summe seiner Einzelteile. Ich beschliesse von heute an, ein geistiger Tangotänzer zu werden. Das Leben ist ein Tango. Die ständige Suche nach Harmonie. Flexibel, elastisch, charmant und doch bestimmt Jawohl. Und danke. Tango ist kein Tanz, er ist eine Lebensschule.

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