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im auge des tigers

Taktshang, Bhutan

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

21.09.2015 

Aus dem Reisetagebuch

Paro Aufstieg auf das Tigernest

Tigernest. Die Höhle von Guru Rinpoche, aber auch des Indischen Heiligen und Dichters Milarepa. Einer der heiligsten Orte des Himalayas. Ich bin gespannt. Das Frühstück lasse ich aus, ich will für den furchterregenden Aufstieg einen leichten Magen haben. Warme Sachen einpacken, die Landjäger aus der Schweiz, etwas zu trinken und los geht’s. Die Gruppe ist unruhig. Können es alle schaffen, wer braucht für den steilen Aufstieg ein Pferd? Michele reagiert etwas hysterisch, Thomas, der 84-jährige meint, er werde zurückbleiben, man solle ja nicht auf ihn Rücksicht nehmen. Ab geht die Post, mit unserem Bus eine kleine Strecke das Tal hinauf, vorbei an wunderbaren Bauernhäusern, die bunt bemalt sind. Die Strasse steigt bereits, gut so, jeder Meter den wir fahrend zurücklegen, müssen wir nicht laufen. Die Strecke von unserem Ausgangspunkt bis zum Taktshang ist nur knapp 5 Kilometer lang, steigt aber schon auf gut 2400 Meter an, jetzt geht es noch über 700 Meter auf 3120 Meter hinauf. Ein Adlerhorst hoch oben über dem Parotal. Nur zu Fuss oder auf dem Rücken armer Mulis zu erreichen. Der Bus hält auf einem Parkplatz, einige verwahrloste Hütten, gerade ist man daran, einen neuen Unterstand zu bauen, Baumaterial liegt verloren herum. Es regnet und ist recht kühl, trotzdem entscheide ich mich ohne Regenschutz los zu marschieren. Wir sollen alle unser eigenes Tempo gehen. Bei der 'Cafeteria' einer Raststätte ungefähr auf halber Höhe, wollen wir uns treffen, für einen Tee. Ich trampe los, über eine wiesenartige Ebene, aus dem Wald, vorbei an zahlreichen Pferden und Eseln, die als Tragtiere hier ihren Dienst verrichten. Ich gehe alleine, will mit niemandem reden, will meine Ruhe und offensichtlich gehe ich zu schnell, denn ich habe die anderen, auch Lisa, nach einigen Minuten aus den Augen verloren. Der Trampelpfad ist nass und sehr rutschig, führt im ersten Abschnitt nach der Wiese wieder in ein Waldstück, über glitschige Wurzeln und dann noch steiler über einen erdigen Sumpfweg, an den steilsten Stellen ist der Weg mit hölzernen Trittstufen befestigt. Das Kloster, hoch oben in den Felsen, ist nicht auszumachen, es versteckt sich hinter dicken Regenwolken. Alexandra schliesst zu mir auf, wir gehen stumm nebeneinander. Ich komme bereits ins Schnaufen, versuche meinen Atem zu kontrollieren, bin bereits patschnass, der Schweiss rinnt über die Sonnencreme (Sonnencreme bei diesem Wetter?) und brennt in den Augen. Mein Wimbledonhut schützt ungenügend. Ob ich das wohl durchziehen werde. Mir kommen erste Zweifel, ich bin arg am kämpfen. Mental! Wahrscheinlich gehe ich zu schnell. Piano, Piano, Rolli. Der Wald ist feenhaft verzaubert, viele Stämme der Kiefern sind mit Irisch Moos und hängenden Flechten überwachsen, weiss grüne Staubfäden, an den Blättern kleben andere Moose wie bei Weidenbäumen, organische Spinnweben, dem Wald Alter und Würde verleihend. Ich habe den Eindruck, der Wald trauert, er weint. Hohe Absätze im schmalen Erdweg machen den Aufstieg beschwerlich, die ersten Pferde kommen uns schnaubend und ziemlich rücksichtslos entgegen, es wird eng, wir müssen auf die Seite ausweichen, die ungeduldigen Pferde kennen kein Pardon. Nach ca. 50 Minuten führt der Weg über einen kleine Kuppe, auf welcher eine riesige Gebetsmühle steht, Gebetsfahnen geduldig flattern, rechts hinunter zur Herberge 'Cafeteria'. 'Blockhäuser auf einer Terrasse, mit einem fabelhaften Blick auf das Kloster', steht im Reisebuch. Nur, wir sehen wenig, können nur erahnen, die Regenschwaden vernebeln den Blick. Ich bin aussen und innen nass. Lisa und Hans Ueli treffen ein, die anderen seien noch weit zurück, sagt Lisa. Für mich das Zeichen weiter zu ziehen. Ich mag nicht warten in meinen nassen Kleidern und suche den Weg weiter hinauf. Vor mir geht eine Gruppe schnatternder Amerikaner, die unendliche Ruhe der Landschaft entweihend. Das muss nicht sein. Soll ich mich zurückfallen lassen oder überholen? Überholen! Zwar schnaube ich kräftig, ich geniesse aber den Wald, die einmalige Stimmung. Der Weg ist das Ziel, auch hier. Gebetsfahnen, die treuen Wegbegleiter des Buddhismus säumen den Weg. Die Wolken verschwinden für einen kurzen Augenblick und geben einen spektakulären Blick auf das Tigernest frei. Wie ein einsamer Adlerhorst sitzen die Gebäude mit den goldenen Dächern in einer senkrecht abfallenden Felswand. Ein Nest des Glaubens. Was für ein Irrsinn, dort ein Kloster zu bauen. Aber sowohl Guru Rinpoche als auch Milarepa waren wahrscheinlich schon etwas irre. Guru Rinpoche soll, als er im 8. Jahrhundert nach Bhutan kam auf einem Tiger, einer Erscheinung seiner Lieblingsfrau, hierher geritten sein. Aha, also geritten. Er hat hier oben wirklich einen magischen Ort gefunden - und - eine Höhle, in welcher er meditiert hat. Als er wieder nach Nepal zurückgekehrt ist, dem Bhutanischen Volk den Nyinmapa Buddhismus hinterlassend, soll er seinen besten Schüler beauftragt haben, hierher zurück zu kehren und ein Kloster zu bauen. Das Kloster trägt deshalb den Namen dieses Schülers, der ebenfalls nach Tibet zurückgekehrt ist, doch seine Asche soll ins Tigernest zurück gebracht worden sein, wo sie in einer Stupa noch heute liegt. Milarepa, der indische Asket und Dichter soll dann (1040 -1123) ebenfalls in dieser Höhle meditiert haben. Für den ganzen Buddhismus des Himalaya ist das Tigernest eines der bedeutendsten Heiligtümer, jeder Bhutaner sollte einmal im Leben hier oben gewesen sein. Ein Mekka der Buddhisten also.

 

Unvermittelt wird der Weg flacher, Beine und Lunge frohlocken. Nur ein kurzes Intermezzo, denn jetzt fangen die 750 Treppenstufen an, welche zuerst hinunter in den Schlund einer Schlucht führen, einen alles verschlingenden Rachen, um sich dann wieder steil hinauf zum schlafenden Tiger zu winden. Die Landschaft wird noch dramatischer. Das Tigernest ist greifbar nahe, jedes Detail der traditionellen Holzarchitektur ist zu sehen, aber zwischen Subjekt und Objekt trennt eine ins unendliche fallende Schlucht. Gebetsfahnen wedeln unschuldig im Wind, ein Wasserfall treibt eine Gebetsmühle mit Glocke unermüdlich zu Höchstleistungen. Wir begegnen Pilgergruppen und wenigen Touristen, bisher waren wir alleine unterwegs, relativ alleine, stiegen wir in unserem Tagtraum bergauf, jetzt holt uns die Realität ein. Gottseidank ist der Weg über die Schlucht mittlerweile gut ausgebaut, was eine vietnamesische Touristin vor wenigen Jahren trotzdem nicht daran gehindert hat, tödlich abzustürzen. Nicht gut für die Tourismusindustrie. Die Treppenstufen sind jetzt mit soliden Steinplatten gepflastert, ein SUVA gerechtes Geländer stoppt den nicht Schwindelfreien. Das war nicht immer so. Früher war dieser Wegabschnitt gefährlich, ein Band nahe am Abgrund. Aber 1989 brannte das Tigernest ab. Ein Schock für die gesamte buddhistische Welt. Das 1652 gebaute Kloster wurde nach alten Plänen (tatsächlich?) wieder aufgebaut, und in diesem Zuge musste auch der Weg verbreitert und gesichert werden, wir profitieren heute davon. Das Gefährlichste sind aber sowieso die rücksichtslosen Fotografen auf der Suche nach dem ultimativen Bild. Jedenfalls werde ich von einem selbstsicheren Amerikaner rücksichtslos aus 'seinem' Bild gestossen, über den Haufen gerannt. Bhutan ist schön!

 

Unter einem winzigen Felsvorsprung sind aberhunderte kleiner Stupas, aus der Asche von Verstorbenen gefertigt, hingelegt worden. Alexandra und ich versuchen zu verstehen, wie sie und ich, resp. eben Hans Ueli und Lisa gerne begraben würden. 'Im Wasser', sage ich. Alexandra meint, Hans Ueli möchte seine Asche nicht im Wasser wissen. Wir finden aber heraus, dass es wahrscheinlich für den zurück Bleibenden stimmen muss. Und dermassen in tiefgründigen Gedanken hängend, stolpern wir über die letzten Stufen. 'A gateway to haven'. Steil und unerbittlich führen sie hinauf bis zu einem goldenen Tor, das den Eingang in den Tempelkomplex markiert. Hinter diesem Tor werden wir von einem Sicherheitsmann in Uniform kontrolliert, abgetastet und müssen Taschen, Handy und Kameras in ein Schliessfach wegsperren. Das Tigernest ist handyfreie Zone. Eine steile Treppe hinauf, durch ein weiteres Tor und eine weitere, diesmal gedeckte Treppe hinauf. Was für ein Raum. Schummriges Licht fällt von oben auf die Stufen, das Dach scheint mit Leichtbaumaterialien improvisiert gedeckt worden zu sein. Ich biege rechts auf eine offene Terrasse, wage den Blick über eine Mauer in die Tiefe. Mir wird beinahe schwindlig, obwohl mir Nebelschwaden den Blick ganz nach unten verweigern. Am Ende der Terrasse ziehe ich meine Schuhe aus, steige in einen kleinen Tempel. Ein Mönch sitzt vor dem Fenster, leiert Sutren vor sich hin. Er macht eine kurze, sehr knappe Handbewegung, ich solle mich setzen, er liest weiter. Wir sind alleine, ich sitze aufrecht, wie ich das in Japans Zenklöstern gelernt habe und bin sehr wohl. In mir ruhend. Die Ruhe der Mantras überträgt sich auf meine Seele. Mein Puls, und vor allem mein Geist haben sich beruhigt. Noch selten bin ich so ruhig gesessen. Ich denke (also doch..), es wäre schön, dieses wunderbare Erlebnis mit Lisa teilen zu können und gerade wie mein Gedanke auf Reisen geht, erscheint Lisas schwarzer Pagenschnitt im Gegenlicht der kleinen Türöffnung. Schön! Eine kurze Zeit haben wir den Raum für uns, überträgt er seine Kraft auf uns zwei. Dann kommen Hans Ueli und Alexandra. Wir sitzen zu viert. Wie dann eine Gruppe taiwanesischer Pilger eintritt, gibt uns der Mönch zu verstehen, dass wir aufstehen sollen, es wird zu eng. Erst später lese ich, dass dies der Tempel vor der Höhle von Guru Rinpoche und Milarepa war. Die Höhle, durch eine kleine Kupfertüre verschlossen, wird nur einmal im Jahr geöffnet und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Ohne es zu wissen bin ich von magischer Hand geführt vor dieser Höhle gelandet. Die Vertreibung aus dem Paradies, auch Taiwanesen haben ein Anrecht auf Guru Rinpoche, wir steigen eine Holztreppe hinauf, setzen uns in einen anderen Tempel. Wieder zu viert. Dieser Raum hat weniger Charisma, dafür einen harten Holzboden und vielleicht zu viel Licht. Mich zieht es jedenfalls weiter. Das Tigernest ist eigentlich kein Tempel, sondern eine kleine Tempelstadt. Im nächsten Tempel verlässt ein älterer Mönch gerade seinen Sitz, bezeichnet uns aber mit einer Handgeste trotzdem einzutreten, was wir auch tun. Wir setzen uns auf die Kissen, der Mönch kommt zurück, segnet uns mit heiligem Wasser, ich muss gestehen, dass ich das Wasser nur an den Mund führe, aber nie trinke, der Mönch setzt sich und der Nase eine schmale Lesebrille auf, nimmt die Gebetsmühle in die rechte Hand und fängt an zu rezitieren. Der eintönige Singsang beruhigt Geist und Seele, eine Feinmassage der besonderen Art. Ich verstehe kein Wort und trotzdem haben die Worte, hat der Gesang einen Einfluss auf meine Psyche. Die Kraft der positiven Mantras ist, dass sie den Geist beschäftigen und von bösen, schlechten Gedanken fernhalten. Lisa und ich schaffen unser eigenes Mantra: 'Bhutan ist schön'. Wenn immer ein schlechter Gedanke in uns hineinkriechen will, sagen wir diesen Satz und versperren dem Gedanken die Türe. Jawohl! Was mich aber am meisten beeindruckt heute, ist die Ausstrahlung dieses Mönches, sein warmherziges Lächeln, seine einladenden Gesten, dieser Ausdruck totaler Gelassenheit. Der leere Spiegel. Er hat nicht diese gespielte Strenge, die Mönche oft an den Tag legen, er hat nichts Überhebliches und auch nichts Ausgemergeltes. Ein guter Moment, den wir mit Alexandra und Hans Ueli teilen. Wenn ich so auf mein Leben zurückschaue, fällt mir auf, dass mein Lebensweg mich immer wieder an solche 'Kraftorte' der buddhistischen Welt geführt hat. Noch ein kurzer Aufstieg in einen Butterlampenraum. Ein rauchiger, nach Butterfett riechender Raum, in welchem Butterlampen geopfert, aber auch produziert werden. Eine ältere Frau schmilzt das Wachs, die Butter, in grossen Eimern und präpariert danach die kleineren metallenen Lampen mit fliessendem Wachs und einem Docht, lässt diese auskalten und verkauft sie als Opfergaben. Lisa und ich opfern eine Lampe, für alle unsrigen und auch die anderen. Leider hat die wunderbare Ruhe schnell ein Ende, eine nervöse Gruppe taiwanesischer Pilger überfällt den Raum wie böse Dämonen seinerzeit Guru Rinpoche. Doch es ist keine Zeit für einen Kampf, wir räumen devot unseren Platz, ein brennendes Flämmchen hinterlassend. Irgendwann wird es erlöschen.

 

Das Tigernest ist in die Vertikale gebaut, das Fundament ist ein fester Fels, um einmal unsere Bibel zu zitieren. Wie jedoch auf diesem Felsen konkret fundiert worden ist, bleibt für mich ein Rätsel. Es gibt mehrere Heilige Orte auf verschiedenen Ebenen, aber langsam wird der Raum der Stille von ziemlich vielen  (manchmal sind auch wenige viele...) Touristen geflutet. Zeit für mich zu flüchten. Lisa und ich hatten einige tolle Momente der Ruhe, der Stille und machen dankbar Platz. Ich glaube wir haben die Magie dieses Kraftortes spüren dürfen. Wir steigen wieder hinunter an das Tor, lösen unseren Rucksack aus dem Schliessfach und übergeben dieses den gerade eintreffenden Vreni und Jörg. Paradoxerweise liegt wieder ein beschwerlicher Ab-und Aufstieg vor uns. Wie wir wenige Stufen abgestiegen sind, kommt uns ein aschfahler Christian entgegen. Es gehe ihm gut, aber er müsse langsam, in seinem Tempo, gehen. Wenig später wird er kurz zusammenbrechen und muss Medikamente einnehmen die seinen Blutdruck stabilisieren. Lisa und ich sind bereits am Abstieg zum Wasserfall und werden diesen Zwischenfall nur vom Hörensagen mitbekommen. Die Stufen hinauf, auf die andere Seite der Schlucht sind jetzt noch beschwerlicher, das Ziel ist erreicht, es fehlt die Motivation. Aber, diesmal gehe ich mit Lisa und ich geniesse das Zusammensein. Wieder treffen wir die Affen, die bereits beim Aufstieg in den Bäumen gesessen und majestätisch in die Weite geblickt haben. Jigme meint, es verheisse Glück, diese Affen sehen zu können. Es sind graue Languren, mit einem schwarzen Gesicht und einem buschigen weissen Haarkranz. Sie sitzen nahe am Wege, wir können sie gut beobachten. Und sie uns. Auf dem Weg fängt wieder das Hundegebell an. Affe und Hunde vertragen sich nicht besonders, dünkt mich. Dabei sind die Hunde ausnehmend friedlich zu uns. Sie liegen auf dem Weg, dösen, andere gehen spazieren, aber bisher hat noch keiner geknurrt oder uns angebellt. Gegenüber Menschen scheinen sie eher schüchtern zu sein. Aber wenn es um Affen geht, wird der Wolf lebendig.

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