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Tänze der magier

Thimphu, Punakha, Bhutan

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

23.09.2015

Aus dem Reisetagebuch

Heute beginnen die rituellen Tänze des „Tshechu festivals“ in einer eigens an den grossen Dzong des Königs dafür angebauten Arena. Tashichho heisst der Dzong, der bereits 1216 erbaut worden sein soll. Der König hat keinen langen Arbeitsweg, denn sein privates Wohnhaus, seine Residenz liegt gerade einmal auf der anderen Seite der Strasse. Eine seriös bewachte Anlage, die man nicht fotografieren darf und da kennt die Bhutanische Armee keinen Spass. Jigme gibt uns weitere Verhaltensregeln durch. Das Fest ist für die Bhutaner ein wichtiges Reinigungsritual und normalerweise kommen alle Bewohner an mindestens eines der über 24 Feste die im Lande gefeiert werden. Hier in Thimphu ist das nicht mehr möglich, aber die Arena mit dem Dzong als Hauptfassade ist bereits gut gefüllt, wie wir ankommen. Schätzungsweise 8‘000  - 10‘000 Zuschauer feiern ein buntes Miteinander mit religiösem Hintergrund. Alle in ihren Festtagskleidern. Nicht nur der Baustil soll nationale Identität schaffen, auch die einheitliche Kleidung. Diese ist streng reglementiert und erklärt dem Kenner Rang und Position der Person. Die Männer tragen den „Gho“, ein mit dem tibetischen „chuba“ verwandten Langrock, der von einem wollenen Gürtel (Kera) zusammengebunden wird. Mich erinnert das Kleidungsstück stark an schottische Kilts und tatsächlich hat das Muster auf dem „Gho“ von Jigme erstaunliche Ähnlichkeit mit einem schottischen Tartan (ursprünglich trugen die Bhutaner auch dasselbe unter dem Gho wie die Schotten unter dem Kilt). Nur dass die Ärmel in weissen Manschetten enden, weiss die Farbe des Respektes, der Reinheit. Bei den Männern ist dieser Umschlag immer weiss. Über dem Gho wird ein Schal, der „kabney“ getragen. Dieser zeigt den gesellschaftlichen Rang seines Trägers an, normalerweise ist er weiss. Auch die Frauen haben sich aufgeputzt tragen ihren schönsten „Kira“, den bodenlangen, engen Rock, darüber eine farbige Bluse „Wonju“ genannt, zur Schau. Diese zweiteiligen Kleider sind farbiger, bunter, die Stoffe, häufig Seide, elaborierte Eleganz. Jigme erzählt, dass früher der König hier am Fest seine Braut ausgewählt hat, deswegen ist es für die Frauen wichtig, attraktiv auszusehen. Sich zu präsentieren. Individualität in der Gleichheit. Man hat das Gefühl, Frauen und Männer, sogar die Kinder tragen die Bhutanische Kleidung mit Stolz.

 

Wie wir die Arena hinter dem Palast betreten, sind die Sitzstufen beinahe schon voll, Lisa und ich ergattern uns ein Plätzchen auf dem Umgang, setzen uns dort zu einer Gruppe alter Frauen, die vergnügt kichern. Ich finde die Frauen Bhutans nicht besonders attraktiv, die jungen, ich bewundere jedoch die alten Frauen, ihre gegerbten runzligen Gesichter, den graumelierte Kurzhaarschnitt, das charmante offene Lachen. Auf dem grünen Teppich in der Mitte der Arena tanzen Männer einen Volkstanz. Ein würdiges Schreien, beinahe in Zeitlupe, dazu Drehbewegungen um die eigene Achse, die Arme weit ausgestreckt. Dieser Tanz erinnert mich an Tänze in Polynesien. Ein Tanz von Ureinwohnern, mit den Elementen kommunizierend. Zwischen den Tänzern bewegen sich seltsam gekleidete Männer mit feuerroten Schnabelmasken und eine Penishaube. Penis? Die Clowns, die „Atsaras“. Sie haben alle Freiheiten zu stören sich lustig zu machen, das Publikum zu animieren. Die Tänze, Cham, haben ihren Ursprung im Bön, viele der Masken dokumentieren das animistische Grundgefühl. Ganz besonders sichtbar ist dies beim nächsten Tanz der Schwarzhutmagier. Sie tanzen den Tanz des Padmasambhava, des Lotusgeborenen. Ihre Schrittfolge beschreibt Mandalas und damit helfen sie zur Reinigung des Volkes, der Zuschauer bei. Es vermehrt das eigen Karma an diesen Tshechu teilzunehmen. Tshechu heisst wörtlich der 10. und erinnert daran, das Guru Rinpoche versprochen hatte jeweils am 10. des Bhutanischen Kalenders wieder zurückzukommen. Es ist also das Fest des Padmasambhava. Und deshalb  ist der Bön, seine bösen Dämonen als zu besiegende Geister ebenfalls vertreten. Diese treffen tanzend auf alle acht Manifestationen des heiligen Meisters, in welchen er diese Dämonen bekämpft hat. Die Tanzschritte werden dem Meister selbst zugeschrieben und folgen einem genau vorgeschriebenen Kodex, den die Tänzer einzuhalten haben. Neben der tanzenden Reinigung, singen die Mönche die singende Reinigung, die Sutren. Am Schluss des Festes wird das grosse Mandala der Tschöchen ausgerollt, alles Hilfsmittel, der Weltordnung näher zu kommen. Das Fest ist also nationale Identität, ein gemeinsames Bad, ein sozialer Anlass an welchen man sich trifft, es aber auch lustig hat, man gemeinsam ist und trinkt. Zu trinken wäre jetzt etwas gutes, denn es ist plötzlich sengend heiss, doch meine alte Nachbarin sitzt seelenruhig staunend neben ihrem quäkelnden Enkelkind, den Umhang locker über den Kopf geschwungen. Die Schwarzhutmagier werden noch mehrmals auftreten, ihr erster Tanz, scheint ein eintanzen gewesen zu sein. Einzeln bereiten sie die Arena in der Diagonale, ihr Schritt ist ein Hüpfen, bei dem sich jeweils ein Fuss über Kniehöhe schwingt, anschliessend folgt eine Rotation um die eigene Achse. Das wallende Gewand beschreibt einen Kreis, die langen Hemdärmel beschreiben weitere Luftkreise. Ich habe gelesen, dass Guru Rinpoche in diesen weiten Ärmeln seinen Bogen und Pfeile versteckt hat. Nach und nach kommt ein neuer Tänzer in die Mitte, bis sich alle auf dem grünen Teppich versammelt haben, einen Kreis bilden: einer der Tänzer, der Chef der Schwarzhutmagier, steht in der Mitte. Die Musik ändert, die Mönche beginnen gemeinsam zu tanzen, schreiben unzählige unsichtbare Mandalas auf den Platz. Einerseits tanzen sie gemeinsam einen Kreis, der sich im Uhrzeigersinn dreht, andererseits dreht sich jeder Tänzer zusätzlich um die eigene Achse, Sterne in einem Firmament. Als Höhepunkt drehen sich die Tänzer nicht nur um de eigene Achse, sondern auch noch in der dritten Dimension, indem  sie mit dem Kopf beinahe den Boden berühren und einen diagonalen Sprung zu den Sternen vollführen. Kleider und Bänder zeichnen imaginäre Bilder in die Luft.

 

Ich kann nicht sagen, dass meine Nachbarinnen religiös versunken neben mir sitzen. Die Atmosphäre unter den Zuschauern ist eher locker. Eine fröhliche Feststimmung, Man schaut den Tänzern zwar zu, vergnügt sich aber gleichzeitig in der Gruppe. Vor allem die Kinder schlabbern an allerlei Leckereien. Auch für sie ist heute ein Feiertag. Es ist noch früh, wahrscheinlich zu früh für das Essen. Noch immer wird das Theater gefüllt, kommen mehr und mehr Personen. Das dumpfe Dröhnen der Trompeten massiert die Seele, wie das Schreien eines fernen Tieres. Mich dünkt, nicht nur die Tänzer zeichnen Mandalas, auch die Musik massiert unsichtbare Geometrien in die Seele der Zuschauer. Amelodiöse Klänge, die einfach uriges Wohlbefinden auslösen. Die Schwarzhutmagier haben sich zu einer Linie an der einen Seite des grünen Teppichs vereinigt. Einer nach dem anderen machen sie nun ihren Abgang indem sie wieder diagonal aus der Arena  tanzen, um sich selbst kreisend. Die Clowns, die „Atsaras“ werden wieder aktiver, überbrücken die Leere, belustigen das Volk, machen auf dem Teppich liegend ihre Faxen. Das notwendige Chaos innerhalb der Ordnung. Die Leere in der Arena lässt mich bemerken, dass es mittlerweile sündhaft heiss ist. Die Sonne brennt unerbittlich, meine Nachbarinnen haben ihre Schals über den Kopf gezogen. Mir hat Jigme verboten einen Hut zu tragen, und die Eingangskontrolle hat nicht nur mein Schweizer Militärmesser konfisziert, sondern auch meinen schottischen Schal als nicht opportun qualifiziert. Also brate ich. Lisa und ich bleiben sitzen, obwohl wir eigentlich auf dem Umgang eine ganze Runde um den zentralen Platz machen könnten. Wir haben 90 Minuten Zeit, und keine davon ist langweilig. Aber langsam spüre ich meinen Füsse nicht mehr, wir sitzen auf nackten Steinplatten. Leider haben wir nur knapp 90 Minuten Zeit, wir sollen weiter nach Punakha, dabei haben wir noch nichts gesehen. Ein letzter kleiner Rundgang, die Atomsphäre schnüffeln, dann müssen wir aufbrechen. gerade zerrt ein Atsara eine blonde Touristen in die Mitte der Tanzfläche, das Volk grölt, der Clown wedelt lüstern mit einem riesigen roten Penis. Viele Texte des Tantrismus entstammen aus der Vereinigung der Gegensätze, von  Mann und Frau. Sexualität, Fruchtbarkeit, hat in diesem kulturellen Klima eine andere Bedeutung. Man ist unverkrampfter, teilweise kommt mir diese Selbstverständlichkeit ziemlich roh vor. Man sagt, dass das Wort Atsara aus dem Sanskritwort „Acharya“ abgeleitet worden ist und „holy teacher“ bedeutet.  Das Gegenstück der auf Ordnung und Moral bedachten Mönche, unordentlich, vulgär und unberechenbar.

 

Daran glaubt auch Martin Hess. Spirituell oder gar religiös wird er deswegen auch in Bhutan nicht. Er glaubt, dass nicht Gott die Menschen, sondern die Menschen Gott erfunden haben. „Wenn man in der Welt herumreist, dann sieht man, dass alle Menschen einen anderen Gott erfunden haben: Allah, Buddha - gut Buddha ist kein Gott. Das schafft Rituale und Rituale schaffen wieder Musik und wahn- sinnige Inszenierungen. Das gefällt mir.“ Zu der Inszenierung aus Bhutan gehören auch Gebetsfah- nen. „Mich interessiert, wie man sie stellen muss. Gibt es eine Ordnung? Keine Ahnung“, sagt Hess. Er hat Musik gesucht und viel mehr gefunden. Auch die Gebetsfahnen werden Anfang Juli 2012 im Obwaldner Wind flattern. 

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