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Der Urkult der Kultur ist kultivieren

Angkor Wat, Kambodscha

2012

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine Zeit - Vergänglichkeit

Der Urkult der Kultur ist kultivieren, ist urbar machen, den Boden bereiten, Wald roden, der Übergang vom Nomadisieren zum Sesshaften, die Infrastruktur für die Gemeinschaft aufbauen und unterhalten. Ohne funktionierendes Wassersystem, keine Stadt, keine Gemeinschaft. Stadt heisst der Wille, das Bekenntnis zur Gemeinschaft.

23.12.2012

Aus dem Reisetagebuch

Angkor Wat, die sagenumwobene Ruine im Dschungel Kambodschas. Hochblüte des Khmer Reiches von ca. 7. bis 13. Jahrhundert buddhistisch oder doch wohl eher hinduistisch? Was wissen wir? Gemäss einem Beitrag in Arte, 27.10.12: Das Gebiet von etwa sieben Hauptstädten der Khmer, so etwa vom 7. bis 13./14. Jahrhundert. In Konkurrenz zu den damaligen Hauptstädten der Thais, Ayutthaya und Champa im heutigen Vietnam. Die Hauptstädte haben gezügelt, innerhalb eines ausgeklügelten Wassersystems, das die Reiswirtschaft erst möglich gemacht hat. Ein Wassersystem mit Kanälen und Barays, riesigen rechtwinkligen Wassreservoirs in der Grösse von Seen, die Speicher. Erste Siedlungen und Hauptstadt in den Kulen Bergen. Diese Stadt ist noch nicht ausgegraben, aber es gibt Shiva geweihte Orte, die zu sehen sind. Die letzten Hauptstädte sind Wat Angkor und Wat Tom. Wissenschaftler vermuten, dass sich bereits zur Zeit Javaryam des VII, also etwa 11./12. Jahrhundert, die meteorologischen Randbedingungen geändert haben. Grosse Dürren, abgeholzte Tropenwälder, Versandung, Verschlammung des Wassersystems. Und vielleicht auch die Auswirkungen eines neuen Denkens: im Hinduismus sind die Tempel aus Stein, massiv und für die Ewigkeit gebaut. Im aufkommenden Buddhismus werden die Statuen unter Holzdächer gesetzt, die Architektur darf vergänglich sein. So sind praktisch keine Wohnhäuser dokumentiert, da aus Holz, Bambus. Vielleicht muss man sich Pfahlbauten wie am Inle lake vorstellen. Leben am und auf dem Wasser. Die eigentliche Stadtanlage ist also noch kaum eruierbar, nur die Tempelanlagen inmitten des Wassersystems. Mittels Lasertechnik wird heute versucht, die ursprüngliche Stadttopografie zu erkennen. Als Wendepunkt, Endpunkt der Khmer Zivilisation von Wat Angkor gilt 1431 und ein Sieg der Thais von Ayutthayas über die Khmer von Wat Thom. Hauptsächliche Quelle des Wissens sind sogenannte Archivsteine. Stelen mit eingemeiselten Inschriften, zuerst in Sanskrit, der Sprache der Hinduisten, später in der Schrift der Buddhisten, Pali. Das riesige Reich der Khmer, das zur Blütezeit grosse Teile Burmas, Thailand und Vietnams, also des sogenannten Indochine beherrscht hat, ist nach und nach geschrumpft und entspricht heute ziemlich genau dem Staatsgebiet von Kambodscha.

 

Der Urkult der Kultur ist kultivieren, ist urbar machen, den Boden bereiten, Wald roden, der Übergang vom Nomadisieren zum Sesshaften, die Infrastruktur für die Gemeinschaft aufbauen und unterhalten. Ohne funktionierendes Wassersystem, keine Stadt, keine Gemeinschaft. Stadt heisst der Wille, das Bekenntnis zur Gemeinschaft.

 

Morgentliches Jogging, entlang des Flusses bis zum Night Market und zurück. Die Luft ist bereits stickig, es wird heiss. Adam wartet um 09.00 Uhr auf uns und bringt uns östlich an Wat Angkor, vorbei am Bantei Kdei zum Ta Prohm. Auch der Ta Prohm soll zu seiner Blütezeit ein Tempel mit über 70'000 Bewohnern, Priestern, Novizen, Tänzerinnen, Mönchen und Dorfbewohnern gewesen sein. Eine Stadt mit fünf Befestigungsmauern, in deren innerstem Ring ein Brahma geweihter Tempel steht, Ta Prohm, 'der Tempel von Brahma dem Ahnen', der Tempel soll von König Jayavarman VII zu Ehren seiner Mutter geweiht worden sein, sie wurde als Prajanaoaramita vergöttlicht, der Mutter aller Buddhas, Herrin der Perfektion, des Wissens. Von der gesamten Fläche von rund 60 Hektaren nimmt der eigentliche Tempel Ta Prohm nur einen Hektar ein. Das gesamte Gebiet ist von einer rechteckigen Lateritmauer, die rund 1000 x 600 Meter misst, umgeben, welche das Gebiet der 'Stadt' definiert. Der Tourist kommt normalerweise im Westen mit dem Bus an, oder wie wir, im Osten mit der Rickshaw auf einem Parkplatz an, muss dann zuerst diesen äusseren Bezirk der ehemaligen Stadt, von der nichts mehr übrig geblieben ist, auf einem schattigen Weg, der zentral auf den Tempel führt, durchqueren. In der Ferne hören wir eine melancholische, traurige Musik, das Orchester der Kriegsversehrten, Krüppel, Blinden, Stummen, musizieren für ihren Lebensunterhalt. Alte Bilder spulen in meinem Kopf ab. Auch in Wat Angkor haben die Roten Kmehr einen Genozid am eigenen Volk verübt, vor noch nicht allzulanger Zeit. Die Gesellschaft ist immer noch verwundet, ringt darum wieder genesen zu können. Wir verweilen einen Moment, lauschen den Klängen ernst, blickender Musikanten, ein stumpfer Blick, da ist kein Lächeln, keine Regung. Lisa kauft eine CD, wir gehen nachdenklich und etwas verstört weiter.

 

Vor zwei Jahren, bei unserem letzten Besuch, war der Tempel noch wenig begangen, heute ist er überlaufen. Russen und Chinesen balgen sich um das beste Photo. Selfies. Ich und die Welt! Der zentrale Bezirk wird aktuell renoviert, darf daher momentan nicht mehr besichtigt werden. Schade. Trotzdem geniessen wir den Besuch, diese einmalige Atmosphäre der gigantischen Kapok Bäume, die die Anlage zu verschlingen drohen, die Bauten mit ihren riesigen Luftwurzeln im Würgegriff erdrosseln. Die Zivilisation wehrt sich, mehr oder weniger erfolgreich. Da stehen riesige Bäume jubilierend auf massiven Mauern, scheinen Mauern ihrerseits durch die Wurzeln ihrer Usurpatoren zu wachsen. Ein erbitterter Ringkampf. Es ist nicht der Mensch, der die Natur bedroht, es ist die Kraft der Natur, die dem Menschlichen ein Ende bereitet. Wir flüchten in den westlichen Teil der Anlage, wo wir mit uns und dem unendlichen Kreislauf der Natur alleine sind. Wir versinken im Urozean, trinken vom heiligen Getränk der Unsterblichkeit, sind von geheimnisvoll lächelnden Apsaras umgeben, jenen göttlichen Tänzerinnen. Ein wunderbares Universum, auch wir sind ein Teil davon. Wir gehen den gleichen Weg zurück zum Parkplatz, vorbei am Orchester. Da passiert etwas Berührendes. Zwei Musiker heben unmerklich ihren Kopf und lächeln uns stumpf zu, sie scheinen uns wieder zu erkennen und - mit etwas Verzögerung - sich über unseren Kauf, unsere Unterstützung zu freuen. Beschämend. Angkor Wat ist eine eiternde offene Wunde der Menscheitsgeschichte in all ihren Facetten. Gleichzeitig wunderbar motivierend und gleichzeitig – schwer zu verdauen.

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