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kyoto mon amour

Maruyama Park, Kyoto, Japan

2017

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

30.09.2017

Aus dem Reisetagebuch

Die Treppen der alten Ninenzaka und Sanenzaka, enge Gässchen hinunter zum Yasaka Shrine, an den vielen traditionellen Läden vorbei. Aber auch hier, ein schieben und drücken, ich muss uns in einer Seitengasse in Sicherheit bringen. So macht es einfach keinen Spass. Zickzack über Schleichwege in den Maruyama Park hinter dem Yasaka Shrine, vorbei an der Yasaka Pagode, welche das Gewimmere majestätisch unberührt überschaut, seit Jahrhunderten. Noch immer habe ich Mühe, mich in diesem Gewirr zu orientieren. Es dunkelt bereits, vor uns kämpft eine künstliche Lichterwand gegen den Verlust des Tageslichtes an: die Laternen des Yasaka Shrines. Einer der Lieblingsorte von Lisa und mir. Ein dichter Laternenschirm von sicher an die 500 weissen Papierlaternen, welche unter einem offenen Dach, einer Art Baldachin, hängen, sich leicht im Abendwind wiegen. Ich verstehe die Kanjis auf dem weissen Papier nicht, die Magie des Ortes packt mich trotzdem jedes Mal. Man muss nicht alles verstehen, um berührt werden zu können. Lisa geht zum Shrine, zieht an der langen Kordel, heller Glockenklang, oder eher ein Rasseln, das sagen will, ich bin hier ihr Götter, schenkt mir eure Aufmerksamkeit. Lisa sagt ihren Eltern 'Grüezi'. Ein festes Ritual von uns beiden. Shinto ist das rituelle Markieren der Orte in der Natur, der Mensch markiert Bäume, Felsen, Steine indem er sie künstlich markiert, mit Reisbändern, Papier, Kakis, etc., in der Nacht aber mit Feuer, Kerzen und Laternen. Es ist das Hinzufügen der menschlichen Sinnlichkeit, nicht das Beherrschen der Natur. Der Dialog zwischen Mensch und Natur. Während in buddhistischen Gartenanlagen die Natur menschlichen Projektionen gehorchen muss und der Mensch nicht sichtbar auftreten will, ist das im Shinto gerade umgekehrt. Der Mensch markiert seine Präsenz in der Wildheit des vorgefundenen, des natürlichen Chaos. Der Buddhismus ordnet, hierarchisiert und versucht dabei die Natur zu interpretieren. Der Shinto lässt geschehen. Was für ein Unterschied. Japan ist beides. Die beiden Prinzipien mischen sich, sowohl als auch, so braucht keine Theorie verteidigt zu werden. In der Nacht ist der Yasaka Shrine Bezirk, der Maruyama Park deshalb eine introvertierte Insel, wenn man durch das Tor schreitet verlässt man diese Insel - in die Stadt, den Verkehr, den Konsum. Heute erlebe ich diese Gegensätzlichkeit besonders intensiv. Die Dramaturgie des Spazierganges hat gestimmt, das langsame Eintauchen in die Welt der Sinne, das hinausgeworfen werden in die Welt des raffgierigen Konsums. Das überreizen, das willentliche Abtöten durch Überreizung. Ich kenne keine Stadt wo diese Gegensätzlichkeit so hautnah, so unmittelbar erlebt werden kann, noch immer, obwohl der Fortschritt fortschreitet, auch in Kyoto. Seit über 30 Jahren, meinem ersten Aufenthalt in Kyoto, hat sich diesbezüglich nichts geändert. Wie macht die Stadt das? Wahrscheinlich ist es die Ehrfurcht vor der eigenen Geschichte. Der japanische Entstehungsmythos ist menschlich, die japanischen Kamis sind menschlich, werden nicht überhöht und damit auch der Kaiser und damit die Kaiserstadt. Der Kaiser repräsentiert nicht eine militärische Macht, eine geistige Elite, er ist, anders als in allen europäischen Königshäusern, der Gärtner des Gartens Japans. Selbst Teil der tief empfundenen eigenen Vergänglichkeit.

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