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le corbusier in der arktis

Maniitsoq, Grönland, Arktis

2016

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Zeit - Vergänglichkeit

Bausteine - Gegensätze - Dualität

Es geht hier alles etwas langsamer. Man hat keine Eile. Warum auch, der nächste Winter kommt bestimmt. Man hat keinen Besitz, aber Zeit.

21.08.2016

Aus dem Reisetagebuch

Über Nacht sind wir nach Maniitsoq gesegelt, sehr ruhige See, etwas neblig. Bereits beim Aufwachen höre ich den Schiffsanker niedergehen, wir sind angekommen. Ein düsterer, nebliger Tag, Maniitsoq versteckt sich scheu, Wohnhäuser sind keine zu sehen, dafür ein Fischmarkt, riesige Tankanlagen – und eine grosse weisse Kirche. Ein erster Besuch im Fischmarkt, gerade wurden zwei Robben geschossen, diese werden nun fachmännisch auf dem Boden zerlegt. Eine blutige Angelegenheit, nichts für zart beseitete Nerven oder Veganer. Der Kopf baumelt noch am Körper, grosse runde Augen schauen mich flehend an. Zu spät! Nur, so ist das Leben. Die Inuits leben vom Robbenfleisch und erledigen auch diese Arbeit mit einer würdevollen Selbstverständlichkeit. Neben den Robben werden Flundern, Flachfische und Wolfsfische ausgenommen. Der Wolfsfisch, ein prächtiger Kerl mit einer Leopardenhaut, einem fratzenartigen grimmig dreinschauenden Gesicht wird mittels Langleinen gefangen, wird uns von der Meeresbiologin Robin erklärt. Auf einem Tisch liegen rechteckige, beinahe schwarze A4 grosse Lappen, getrocknetes Walfleisch. Man gibt uns zu probieren. Ein sehr spezieller Geschmack, nicht unbedingt meines. Die beiden Japaner aber sind entzückt, mit etwas Sake, sehr fein, meinen sie. Gewöhnungsbedürftig. Lisa macht sich auf den Weg in den Gottesdienst, die Kirche steht erhöht, überblickt den Hafen, das Dorf, ich mache mich auf, das Dorf zu suchen und finde eine kleine Stadt mit 2501 Einwohnern. Ohne Plan lasse ich mich treiben. Die Orientierung ist nicht leicht, das Gelände ist stark coupiert, ist nicht einsehbar, hinter jedem kleinen Hügel öffnet sich eine neue Welt. Ich staune nicht schlecht, vor mir erhebt sich eine riesige Wohnanlage, ein Superblock, vorfabriziert in Beton, siebengeschossig und sicher 100 Meter lang. Eine Staumauer in der welligen Landschaft. Le Corbusier hätte seine helle Freude. Gleich daneben steht auf einem Hügel eine schmale, 13 geschossige blaue Scheibe, bizarr, eine Wohnburg, die unvermittelt in den Himmel sticht. Ich staune, was für Gebäude! Der Boden gehört niemandem, die Häuser sind meistens staatlich finanziert, wohl für die Armen, Mittellosen gedacht, denn am Fuss dieser Giganten stehen sie noch, diese niedlichen farbigen Einfamilienhäuser mit Blick auf die Schären Landschaft für diejenigen, die sich ein solches leisten können. In der traditionellen Inuit Gesellschaft gibt es keinen Besitz, kein 'Mein und Dein', alles wird geteilt, hat uns in Nuuk eine grönländische Abgeordnete erklärt. Die Gemeinschaft garantiert das Überleben aller. - Ein städtebauliches Muster ist nicht auszumachen, man siedelt wo es geht, mit Aussicht, duckt sich hinter schützende Felsen, wo der Wind nicht hinkommt, ohne einheitliche Ausrichtung. Die Felsen, die Tektonik, geben den Rythmus vor und erzwingen teilweise regelrechte Kopfstände. Die Ver- und Entsorgungsleitungen überziehen die Landschaft oberirdisch, die Lebensadern der Zivilisation liegen offen, können nicht in das steinerne Bett gelegt werden. Aufwendige Holztreppen, wahre Himmelsleitern begleiten den Fussgänger in die Höhe. Ich surfe gedankenverloren staunend durch die Wellen Maniitsoqs, geniesse die Einsamkeit, verliere jegliches Gefühl für die Zeit. Ab und zu begegne ich einer krummbeinigen Joggerin, tatsächlich, die sich keuchend den Berg hinauf quält, ein Grosi führt ihren Enkel aus, ich winke, der Kleine in einen wärmenden Overall gepackt, schaut verdutzt geradeaus, scheint mich zu ignorieren, trottet 20 Meter weiter, dreht sich dann doch um und winkt scheu zurück. Es geht hier alles etwas langsamer. Man hat keine Eile. Warum auch, der nächste Winter kommt bestimmt. Man hat keinen Besitz, aber Zeit.

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