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die stadt als klangkörper

Basel, Schweiz

2018

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Es ist die Zeit von John Cage und seiner Europera. Was für eine einmalig schöne Oper!

19.02.2018

Aus dem Reisetagebuch

'dr ander Morgestraich'

Ruhiger Schlaf, die Seele ruht, Lisa hat den Wecker auf 03.45 gestellt. 03.45? Ja tatsächlich, Lisa und ich haben beschlossen, den diesjährigen Morgenstraich von unserer Terrasse aus zu geniessen. Eine komplett neue Erfahrung. Wie der Wecker schrillt, packt nicht die sonst übliche Hektik, kein Suchen des Bandaliers, kein verkleben der Hände, keine schweren Schuhe, kein Müssen, keine Angst zu spät zu kommen. Überraschend eichtfüssig schlüpfe ich in lange Hosen, wickle ich mich in zwei Schals, montiere die Daunenjacke und stehe vorbereitet und erwartungsvoll auf Hesses gedeckter Loggia mit Blick über den Rhein hinüber auf das Schattentheater Grossbasels. Anonyme Personen hetzen über die mittlere Brücke, noch sind die Lichter an. Erwartungsfrohe Stille, man würde buchstäblich eine Nadel fallen hören, die Stille übertönt alles, das Herz bleibt einen kurzen Moment stehen - Tingelingeling tönt es von der Martinskirche, meiner Taufkirche und schon fällt auch das Uhrpendel des Münsters knackend auf Vier Uhr: 'Morgensträich vorwärts marsch'. Sekundenschnell taucht die Stadtsilhouette in dunkles Nichts, wird der ahnungslose Stadtkörper zu einem dumpf vibrierenden Resonanzkörper umgenutzt, als würde die Nadel des alten Gramophons auf eine alte Schellackplatte gelegt. Nach und nach dreht sie in der richtigen Geschwindigkeit. Ein unglaublich intensives Gefühl wärmt meinen Körper, Tränen fliessen ungesehen, zum ersten Mal kann ich mein Gesicht nicht hinter einer Larve verstecken. Das muss Heimat sein. Wenn man trommelt ist man mehr mit sich allein, in sich drin, in seiner eigenen Welt, hier auf der Terrasse Teil eines Gesamtkunstwerkes, ein Vulkan bricht aus und speit tausend leise glimmende Funken in die schwarze Nacht. Einmalig, gruselig schön. Auf dem Rheinsprung tanzen verspielte Wunderkerzen, die mittlere Brücke wird zum Colliers der Laternen. 'Semiprescious!' Schnell verliert sich das Gemeinsame, die Melodie des Morgenstraichs wird durch individuelle Melodien verdrängt. Es ist die Zeit von John Cage und seiner Europera. Was für eine einmalig schöne Oper! Noch nie bisher habe ich den Morgenstraich auf diese Weise kennengelernt, aus distanzierter Übersicht, aus einer Art Luftperspektive. Und es ist immerhin meine 58. Fasnacht, da kommen schon einige Erlebnisse, Erinnerungen zusammen. Heute fehlt das Unmittelbare, der Körperkontakt, das Zwängen und Drängeln, das Schwitzen und Leiden auch. Dafür gelingt der Überblick, die Gesamtschau. Die Stadt als Klangkörper. Ein Musikinstrument. Der Ritus als gelebte Heimat. Den Raum abgehen. Eine Stadt, Synonym für Gemeinschaftswillen, will nicht nur geplant, sie will vor allem gelebt sein, aktiv in Besitz genommen werden. Ein Opernbesuch, gespielt wird Morgestraich in Basel, von lauter Komparsen, Laien aufgeführt.

Lisa und ich sitzen über zwei Stunden gebannt starrend in unserer Loge auf unseren Stühlen, vergessen dabei die eisige Kälte, welche sich mittlerweilen in unsere starren Körper geschlichen hat. Lisa schlüpft unter die wärmende Bettdecke, Rolli will nicht loslassen, lässt sich in das wahre Buch des südlichen Blütenlandes entführen. Bizarr! Ja, aber tatsächlich, nur ein scheinbarer Kulturwechsel, Fasnacht ist emsiges egoistisches Tun, ich, ich, ich, der Schrei nach Einmaligkeit, america first, me first, als Gesamtheit und aus etwas Distanz betrachtet aber Wu wei, handeln ohne zu tun. Was ist schon der Einzelne, der emsige Akteur, es gibt etwas Grösseres, etwas Immerwährendes, das den Akteur einverleibt. Beides zusammen ist wahres Leben. Unser Leben. Mein Leben. Oder wie es Salaudin nach der Einnahme Jerusalems, auf die Frage, was ihm Jerusalem bedeute, so treffend antwortet.

 

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