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getanztes menschsein

Petropavlovsk Kamchatsky, Russland

2017

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Das Licht geht aus, Sprühnebel, dumpfe Trommelschläge, Kribbeln in der Bauchgegend, der Rythmus von Mutter Natur.

10.09.2017

Aus dem Reisetagebuch

 Petropavlovsk, Kamtschatka, Restaurant Colosseum, Obergeschoss, barocker Aufgang, römisch halbhohe Nobelwelt, die so nicht zum Strassenbild Petropavlovsks passen will. Undercover quasi. Alle Vorurteile einer typischen Tourifalle befriedigend. Gedämpftes schummriges Licht. Die Tische sind bereits reichlich gedeckt, Teller mit aufgeschnittener Charkuterie, Zunge, Wurst, Schweinefleisch, Teller mit Gurken, Pilzgemüse, Zwiebeln, Teller mit Fisch, Lachskaviar, geräuchter Lachs, Heilbutt, verschiedene Brotsorten, dazu lokales Kamtschatka Bier und natürlich Vodka. Das Colosseum wäre kein Kolosseum, gäbe es keine Vorstellung für das Volk. Elana hatte Frank, der wieder sein eigenes Süppchen kochen wollte, zusammengeschissen und gesagt: 'Du verpasst etwas, wenn du nicht kommst, diese Vorstellung ist keine Tourieabzocke. Das ist Kamtschatka.' Und sie hat recht. Quikende, charmante Mädchen tanzen russische Folklore, zum Verlieben. Energetisch frisch, unverdorben, leidenschaftlich, noch keine Frauen, aber auf dem guten Weg dazu. Ich spüre die Freude, die Lust, das Gegenteil von Routine. Ansteckend. Wie in Sakhalin sind die Tänze humorvoll erotisch, das kokette Spiel zwischen Mann und Frau ironisch imitierend. Dann sagt Elana, die während der Vorführung leidenschaftlich mitgewippt hat, eine Gruppe 'Kamtschatka Natives' an. Evans! Das Licht geht aus, Sprühnebel, dumpfe Trommelschläge, Kribbeln in der Bauchgegend, der Rythmus von Mutter Natur. Männer und Frauen in traditionellen Pelzkleidern, farbigem Krallenkopfschmuck, bewegen sich, animalische Tierbewegungen nachahmend, auf die Bühne. Wunderschöne Menschen mit offenen lachenden Gesichtsausdrücken. Verschiedene Tänze werden vorgeführt, Tierimitationen, der Vulkantanz im Kreis getanzt, Tierstimmen durchdringen den Raum, aus den Kehlen von zwei Frauen gesungen. Mitreissend mystisch, entlarvend authentisch. Elana erzählt, dass diese Gruppe gestern anlässlich des Stadtgeburtstages Petropavlovs bereits 16 Stunden durchgetanzt hätte. Die Tänze scheinen ein unerschöpfliches Reservoir an Energie zu sein. Eine Art Trance. Ein Kraftwerk. Auch hier sind viele Tänze erotisch, Paare schmiegen sich animalisch um die Körper der jeweiligen Partner, lachen sich offen an, flirten. Der ganze Körper wird gebraucht, die Arme und Hände werden zu Flügeln oder schwimmen als Fische im Ozean, sogar Rentiergeweihe lassen sich darstellen, der Bär purzelt ungelenk gehend. Die positive Energie dieser Menschen ist ansteckend und entlarvend zugleich. Wir müssen nicht zur Natur zurück, wir müssen wieder zurück zum Menschen, zu den Wurzeln des Menschsein. Und wie schon oft erlebt, ist der Mensch eben auch halb Tier, ein Zwitter, kein dogmatisierter Übermensch der über allem steht. Das Akzeptieren der Gegensätze ist was wir lernen müssen. Es bleibt uns nicht mehr viel Zeit. Dabei stehe ich mit dieser Analyse wahrscheinlich gerade 100% quer zur digitalen cleanen Entwicklung unserer fragilen Handygesellschaft. Aber gerade deswegen. Zum Abschluss der Vorstellung werden die riesigen, mit Rentierfell bezogenen Tambourins geschlagen, dumpfe Laute ausgestossen U, U, helle Schreie Kri, Kri geschriehen. Rückkehr in den Mutterschoss des Menschseins. Möglicherweise eine zivilisiertere Form der Zivilisation. Gelebte Menschlichkeit. Ich fühle mich in dieser Welt des Schamanismus aufgehoben, mit ihr verwandt. In unserer gekünstelten Welt der permanenten Strategie bin ich ein emotionaler Aussenständiger. Lisa und ich sind schon lange aufgestanden, wir haben uns aus unserer Zivilisation entfernt, stehen alleine im Hintergrund, an eine Wand lehnend. Wir sind nicht lange auf Kamtschatka, haben keine Tschuktschen getroffen, die Evans, die Ainus. 'Touristischer Fast Food' Ich denke, wir müssen in diese Welt zurückkommen. Irgendeinmal. Ohne Gruppe, nur Lisa und ich. 

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