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nur Gemeinsam sind wir stark

Salisbury Plain, New South Georgia, Antarktis

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Ich erinnere mich an John Cage's Europera, diese Kakophonie des Gleichzeitigen, des Zufälligen. Ja, das ist es. Europera, oder besser 'Pingopera'.

25.01.2015

Aus dem Reisetagebuch

Erst mit dem Fernglas erkenne ich, dass die dunkeln Flecken am Strand keine Steine, sondern Pinguine sind. Abertausende von Pinguinen. Eine der grössten existierenden Kolonien von Königspinguinen. Der Strand ist unglaublich weitläufig. Ein schrilles markdurchdringendes Geschrei und Gepiepse empfängt uns, und ein sehr, sehr intensiver Geruch. Es riecht nach Stall. Wir sind im Land der Königspinguinen. Was für ein Gegensatz zu den Felsenpinguinen, die hoppsen, springen, watscheln. Hier herrscht eine vornehme Zurückhaltung. 'Noblesse oblige'. Der König bin ich. Felsenpinguine sind stämmige, untersetzte Kerle mit einem breiten Kopf, einer regelrechten Beatlesfrisur. Königspinguine sind schlanke, aufrechte Burschen mit einer markanten orange gelben Zeichnung an Kopf und Hals. Sie halten Rat, stehen in ihren schwarzen Fracks in Gruppen zusammen, diskutieren das Weltgeschehen. Von uns nehmen sie kaum Notiz, wir sind eine Randnotiz. Es sei denn, wir kreuzen zufälligerweise ihren Weg. Der Pinguin hat Vortritt und das weiss er. Pinguinengesetz. Was für ein Gequäke, hält sich der unvorsichtige Eindringling nicht an dieses ungeschriebene Gesetz. Zwischen den Pinguinengruppen liegen und spielen Robben, auffallend viele Jungtiere, die verteidigt werden müssen. Ein einschüchterndes Gefauche, ein Bellen, eine Drohhaltung ist deren Antwort. Weglaufen ist keine ratsame Lösung, die Tiere rennen einem hinterher. Besser ist ruhig stehen zu bleiben und sich gross machen, mit den Händen fuchteln oder sogar klatschen. Meistens wirkt das. Falls nicht, kann der Biss einer Robbe wüste Infektionen verursachen. Wir gehen ca. 800 Meter durch die Kolonie, ein regelrechter Spiessrutenlauf, an den Territorien der Robben vorbei. Hinten Robben, vorne Robben, auf beiden Seiten auch. Man ist hier nicht im Zoo, sondern 'mittendrin, statt nur dabei'. Einmalig. Vor unseren Augen ist das Wohnzimmer abertausender Familien ausgebreitet und wir dürfen zu Gast sein. Kommt dazu, dass der Boden heute recht schlammig und rutschig ist. Man muss höllisch aufpassen, nicht auf der Nase zu landen. Ich erinnere mich an John Cage's Europera, diese Kakophonie des Gleichzeitigen, des Zufälligen. Ja, das ist es. Europera, oder besser 'Pingopera'. Wir sind dort angelangt, wo die Kolonie der Königspinguine zu einem nicht begehbaren Teppich von Leibern zusammengewachsen ist. Hier ist kein Durchkommen mehr. Mit offenem Mund stehe ich da und staune. Der Pinguinenteppich erstreckt sich bis an den Horizont, wo ein dreckiger Gletscher aus den Höhen der Berge auf den Strand herunterfällt. Die Wetterstimmung passt zu diesem Spektakel. Es fiesserlt nassen Staub, kein Regen, auch kein Nebel, aber die Luft ist wassergesättigt, nebulös. Mystik pur!

 

Einzelne Tiere lösen sich aus dem Teppich, wackeln, torkeln, Pinguine haben kein Kniegelenk, ihr Oberkörper scheint direkt auf den Füssen zu sitzen, über den nassen, von Pfützen und kleinen Seen durchtränkten Sandstrand. Auch an diesem Strand haben die Königspinguine ihre Eier bereits ausgebrütet, stehen die Jungen noch weitgehend hilflos in der Gruppe. Plumpe 'braune Säcke' in ihrem franseligen Federkleid. Sind es tatsächlich Federn? Fast hat man das Gefühl, sie hätten ihr erstes Kleid bei den Seebären in der Nachbarschaft ausgeliehen. Die Stimmung scheint gerade nicht die Beste zu sein. Auf mich wirken die Kleinen jedenfalls so, als würde es ihnen gerade schaurig stinken. Scheissregen, Scheisswetter, Scheissleben. Mutlos, mit gesenktem Kopf stehen sie patschnass im Schlamm, bewegen sich kaum. Die Elterntiere sind offensichtlich daran, ihnen gerade etwas Bewegung zu verordnen, denn jedes Mal, wenn ein Kleines, aber was heisst schon ein Kleines, die Jungen sind gut 40 cm gross und ziemlich massig, gierig nach Nahrung bettelnd, spazieren sie einige Schritte davon und zwingen so das Junge mit hängendem Kopf und gebeugter Haltung frustriert auch einige Schritte zu gehen. Ins Wasser können die Kleinen noch nicht, zuerst müssen sie ihr braunes 'Überkleid' ab- und ein wasserdichtes Federkleid anlegen. Ein Federkleid, schwarz an Rücken und Kopf, vorne weiss, über den Augen und den Hals hinunter mit einer wunderbaren orange gelben 'Verzierung', die einer Krone ähnelt, versehen, die den Königen auch äusserlich eine wahrhaft majestätisch elegante Erscheinung verleihen. Wenn sie sich nicht gerade mausern und ihr Federkleid erneuern. Einige Tiere tun dies gerade, sie sehen aus wie kleine rebellierende Punks, die Haare oder was davon übrig geblieben ist, stehen in alle Richtungen, unangepasst, rebellierend. Die Federn bauschen sich auf, setzen sich dem Wind aus, bieten Angriffsfläche, werden ausfallen. Darunter ist das aalglatte, der Strömungsform angepasste neue Kleid bereits auf Taille geschnitten. – Aber warum stehen sie so dicht beieinander, frage ich mich, es ist ja in der Brutzeit nicht so kalt wie bei den Kaiserpinguinen. Die Antwort kommt aus dem Himmel, Raubmöven, Skuas kreisen und holen sich dasjenige, das es wagt, seinen Kopf aus der Gruppe herauszustrecken. Sicher sind die Tiere, vor allem die Jungen, nur in der Masse der Gruppe, diese, und nur diese garantiert das Überleben. Überall am Strand liegen Skelette toter Kreaturen, Tiere die sich aus der Gruppe hervorgetraut haben. Was für die Pinguine gilt, gilt auch für die Robbenkolonie. Vielleicht auch für uns Menschen. 

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