1/9
das hölzerne iglu

Pond Inlet, Kanada, Arktis

2016

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Link

Bausteine - Zufälligkeit - Chaos / Ordnung

Bausteine - Dazwischen - Leere

Die Wichtigkeit von Identität

08.08.2016

Aus dem Reisetagebuch

Pond Inlet, die 'Perle des Nordens', unsere erste Anlaufstelle in der kanadischen Arktis. Die Baffinbay ist komplett verhangen, keine Sicht, kein Ton, Blindflug. Was will uns das Wetter sagen? Gegen 06.00 Uhr dann erreichen wir die Küste, der Schleier hebt sich zögerlich, lässt Berggipfel erahnen. Mystisch. Eine neugierige Robbe kommt uns begrüssen. Ein erster Blick auf Pond Inlet an der äussersten Spitze der kanadischen Arktis. Eine Siedlung aus einfachen Holzbaracken, nein, eigentlich eher Containern, keine Steildächer mehr, keine farbigen Häuser, keine Identität. Anonymes Gebastle. Zwischen den Häusern liegt allerlei Unrat umher. Ein tristes Bild. Eine Landestelle gibt es nicht, auch nicht für das einmal im Jahr vorbeischauende Versorgungsschiff. Alle Güter müssen über den matschigen Sandstrand gefugt werden. Gut, geht es mir durch den Kopf, die Kanadier hatten am D-Day ja genügend Erfahrung sammeln können mit solchen Operationen. Militärische Organisation. Sheena, eine kleingewachsene Inuitfrau, vielleicht so zwischen 20 und 30, mit aufgestellter Punkfrisur und Lippenpiercing, führt uns durch ihre 'Stadt', die auf mich wirkt, als wolle sie gar keine sein. Willkommen im Wilden Westen. Die Strassen, sandige ungeteerte Pisten, jetzt nach dem Regen gerade in einem miesen Zustand, schlammige Rutschbahnen, die Häuser eingeschossige 'Matchboxhouses' wie Sheena meint, errichtet von der 'Pond Inlet Housing Cooperation', die, wie passend, mit einem Iglu im Logo wirbt. Hölzerne Iglus? Einfache unansehnliche Zweckbauten, auf massive Kanthölzer aufgesetzt, so vom Boden, von der Nässe, der Feuchtigkeit, der Kälte abgehoben. Vorfabrizierte Elementhäuser aus Holz. Aber, gut verkabelt, Fortschritt lässt sich ja in Metern Elektrokabel und Illumination des Dazwischen messen. Hier wirken die Elektro Verkabelungen eher wie bösartige Spinnennetze, in welchem eine gefrässige Gottesanbeterin auf ihre Opfer lauert. Das auffälligste in der Siedlung ist aber der überall herumliegende Abfall. Güter werden per Schiff gebracht, der Schrott aber offensichtlich nicht entsorgt. Kaputte Schlitten, Mopeds, Velos, Skelette von Lastwagen, alte Kühlschränke, 'verloren' gegangene Bretter, alles liegt wahllos zwischen den Häusern im anonymen Nirgendwo. Im Gegensatz zu Grönland spürt man in Pond Inlet keine Sorgfalt, vielleicht aber auch keine Identität. Die Häuser werden vom Staat finanziert, die alten Rundhäuser haben ausgedient. Wir treffen die älteste Einwohnerin, zufällig auf der Strasse. Eine rüstige 96-jährige, zahnlose Frau, die aber noch gut zu Fuss ist. Zu sagen hat sie uns nicht viel. Pond Inlet wirkt deprimierend auf mich, dabei scheint jetzt die Sonne, es ist hell, Sonntagmorgen, wir sehen nur diese alte Frau, sonst sind die Strassen menschenleer, sogar die Souvenirläden sind geschlossen. 'Bis vor Kurzem war die Gemeinde gespalten' erzählt Sheena, 'die Katholiken haben die Anglikaner bekämpft, blutige Auseinandersetzungen waren die Folge, hier an diesem Bach war die Grenze.' Viele Tote. Sind wir doch stolz, haben wir den Inuits das Christentum gebracht. In einem, einer grossen Schneehütte nachgeahmten Gemeinschaftshaus werden uns Inuitspiele vorgeführt, unter vorhergehendem Absingen der kanadischen Nationalhymne. Nunavur ist eine selbstständige Inuit Provinz Kanadas. Einbeinspringen, Handstandkicken, Nasenhackeln. Sportarten, die Körperbeherrschung verlangen, den Sportler aber nicht zum Schwitzen bringen. Kehlkopfsingen, rauchige Töne, im Duett, das Vis à vis soll zum Lachen oder wenigstens ausser Puste gebracht werden. Schamanistische Tänze, Gesang, ein Mann schlägt die Trommel, eine Art Tamburin, die Frau singt. Die Trommel, eine über einen Holzreif gespannte Tierhaut, wird von unten am Reif geschlagen, der erste Schlag stösst, der zweite zieht, ein sonorer rythmischer Klang erfüllt den Raum. Die Weite des Schnees. Der Mann erzählt, dass die verschiedenen Tanzschritte die Tiere nachahmen: der Eisbär, das Rentier, der Vogel. Inuits sind Indianer. Bewegend. Und jetzt erkenne ich auch die spezielle Gangart der meisten Inuits, diesen ohbeinigen leicht federnden Schritt, von einem Bein auf das andere balancierend, eher ein tänzelndes Schleichen wie ein aufrechtes Schreiten. Welche Gangart sinkt eher im tiefen Schnee ein?

 

Es ist berührend zu sehen, dass hier drinnen, im Cultural Center, diese Tradition der Inuit so liebevoll vorgeführt wird und draussen auf der Strasse alles so lieblos ungepflegt wirkt, ganz anders ist wie in Grönland. In Grönland vermitteln die charaktervollen, wenn auch skandinavischen Häuser eine neue Identität, hier fehlt diese gänzlich, vielleicht, eine Vermutung, hat in Grönland die Verschmelzung der Kultur der Vikinger mit derjenigen der Inuit eine wichtige Annäherung gebracht und es den Dänen später einfacher gemacht. Hier in Kanada hat diese Verschmelzung offenbar nie stattgefunden, hier sind die Inuit aus der Sicht der westlichen Kolonialisten noch zurückgebliebene Eskimos, fremde Wesen, die um ihre Existenz bangen, ja kämpfen müssen. Und es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass uns gesagt wird, wir müssten die Eisbären achten, denn man sei bei ihnen zu Gast. Und was ist mit den Inuits?

Frei & Ehrensperger Architekten BSA

Anwandstrasse 32

8004 Zürich

+41 44 291 15 83

office@frei-ehrensperger.ch

www.frei-ehrensperger.ch

Copyright 2018 Frei & Ehrensperger Architekten