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fressen und gefressen werden

Qaqortoq, Grönland, Arktis

2016

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Wer sagt wem was zu tun ist?

18.08.2016 

Aus dem Reisetagebuch

Qaqortoq, ein kleines, typisch Grönländisches Städtchen, sich vor dem Wetter duckend in einen sanften Hügel gebettet. Bereits bei der Einfahrt in den Hafen, wir legen heute an ein Pier an, tanzen uns die vielen unterschiedlich farbigen Häuser an. Was für ein irrsinniges Bild. Eine Zeichnung von Klee! Dabei heisst der Name Qaqortoq der 'weisse Ort', weil die Stadt und das Fjord im Winter im Schnee versinken, vom Eis eingeschlossen werden. Heute scheint jedoch die Sonne, strahlend blauer Himmel, kein Wind bei einer Temperatur von um die 12°. Die Silver Explorer liegt am Pier eines recht grossen Containerhafens. Dem lebenserhaltenden Schnorchel in die Zivilisation. Riesige Lastwagen fugen noch grössere Container, zwischen elephantösen anonymen Hafengebäuden durch die Luft, stapeln diese wie Legosteine zu Containerburgen. 'Welcome to Qaqortoq' steht auf einem roten Holzhaus, dem Touristenbüro, geschrieben. Unsere Begleiterin heisst Johanna, eine kleine Frau um die 60 vielleicht, mit Kopftuch, sehr krummen Beinen, die in halbhohen Stiefeln stecken. Eine Grönländerin die hier geboren ist, dann aber in Israel gelebt hat. Der Spaziergang führt um den Hafen herum, vorbei am Museum, am Internetcafe, dem ersten Brunnen Grönlands, über ein Flüsschen zum Fischmarkt, der eigentlich nur aus einer einzigen offenen Hütte besteht! 'Ihr habt Glück!' meint Johanna jubulierend, uns ein einmaliges Schauspiel bieten zu können. Unter einem kleinen Dach wird gerade Walfleisch verkauft. Was für ein Anblick! Der Wal wurde erst heute morgen erlegt und wird sogleich in handliche Portionen geschnitten. Die Nachricht hat sich im Städtchen in Windeseile verbreitet, nach und nach treffen Leute ein, die sich ein Stück der gefragten Delikatesse ergattern wollen. Es kommt nur noch selten vor, dass ein Wal erlegt werden kann, der saubere Westen, die moralische Weltgemeinschaft mordender Kolonialisten spielt verlogen Weltpolizei, hat den einheimischen Fischern und Jägern, nachdem sie, also Norweger und Amerikaner, und auch Japaner, selbst die Wale fast ausgerottet haben, ein Walfangverbot auferlegt. Jetzt gibt es für jeden Ort minutiös kontrollierte Kontingente. Johanna lässt klar und deutlich erkennen was sie davon hält. Nicht viel! Die Blubberschicht, also die äussere Fettschicht unter der Haut, liegt wie ungelesene Bücher, in rechteckige Stücke geschnitten auf dem Tresen, zwischen dunkelroten Fleischbergen. Walfleisch ist hier beliebt und Johanna erklärt uns, dass WWF und Greenpeace für sie Grönländer sehr gefährlich sind, denn der Wal ist für die Inuits eine der wichtigsten Nahrungsquellen. Sie versteht nicht warum die Weltgemeinschaft ihnen diese Tradition verbietet und meint: 'Wir Grönländer essen und verwerten jedes Teil des erlegten Tieres, ihr Westler werft die Hälfte der von euch getöteten Tiere weg. Was für eine Vergeudung.' Johanna ist durch und durch Grönländerin, liebt ihr Land, ihre Kultur, redet mit einer wunderbar sonoren Stimme sehr leidenschaftlich, ohne dabei lehrmeisterlich zu klingen. Bescheiden und respektvoll. 'Es gibt viele Selbstmorde, eine hohe Kriminalitätsrate, viele Arbeitslose, Inzucht und Vergewaltigungen. Es ist schwer im langen Winter auf die Sonne zu warten und im Sommer, wenn die Sonne kaum untergeht, einen ruhigen Schlaf zu finden. Diese Extreme des Lichtes nagen an der Seele, verführen die Lebenslust. Heute noch lacht dich ein Mädchen an, morgen erfährst du, dass sie Selbstmord gemacht hat.'

 

Diese Frau hat Kraft und strahlt eine schöne Erdigkeit aus. 'Man müsse vergeben können', meint sie beinahe zu sich selbst redend, denn die Mutter ist früh an Krebs gestorben, der Vater hat wieder geheiratet, die Stiefmutter wollte das Kind nicht. Wieso? Kriminalität und Trunksucht, grosse Probleme der Inuit Gesellschaft. Wir sehen nichts davon, was wir aber sehen, sind auffallend viele behinderte Personen. Vorbei an der alten Kirche, dem Schulhaus, wo junge Teenager herum lümmeln, sich im nahen Supermarkt mit Cola und Chips versorgen, viele rauchen, spielen cool, mit Sonnenbrille und Ronaldo Haarschnitt. Die Farben der Häuser hatten ursprünglich eine soziale Bedeutung, erklärt mir Robin, die Meeresbiologin, eine Sprache die mitteilte, wer in welchem Haus wohnte. Identität! Die Bank zum Beispiel muss blau sein, wie der Neubau der Bank of Greenland vor mir. Sogar ein niegelnagel neuer Geldautomat wird offeriert und es ist schon ein merkwürdiges Bild zu sehen, wie man hier am Rande der Zivilisation vor einen Automaten stehen kann und dieser einem auf Knopfdruck Geld entgegenstreckt. Irreal! Auch im Supermarkt können wir den Grönlandtee mit unserer Bankkarte bezahlen, kein Problem. Hier ist der Supermarkt ein eigenes Warenhaus, in welchem nicht nur Esswaren, sondern auch Schuhe, Kleider, Nägel und Gewehre zu kaufen sind. Die neue Kirche steht in unmittelbarer Nachbarschaft des Supermarktes, ein von dänischen Architekten entworfener weisser Neubau, recht schön. Auf dem Kirchenturm prangt ein weisses Kreuz, drei Raben haben diesen Hochsitz gerade in Beschlag genommen. Ein wunderbar symbolisches Bild. Der Hauptgott der Vikinger Thor, wurde jeweils von zwei schwarzen Kohlraben begleitet...

Langsam schliesst sich der Rundgang, kommen wir wieder zum Tourist Information Center beim Hafen, wo einige Souvenirverkäufer geduldig auf uns warten. Qaqortoq gilt als drittgrösste Stadt Grönlands, mit 3164 Einwohnern, ist aber in unserem Sinne keine Stadt, dafür fehlt die Masse, die Urbanität, sondern ein Konglomerat von Einfamilienhäusern, die lose und ohne sichtbare städtebauliche Idee verteilt werden. Dazwischen stehen einige grosse Gemeinschaftsgebäude wie Kirche, Supermarkt, Fischmarkt, Schule und Spital. Gemeinschaftliche Aussenräume gibt es kaum, die Winter sind zu lang und zu kalt, man zieht sich in warme Gebäude zurück, in Höhlen. Die grössten Gebäude, in einem gewissen Sinne das Herz jeder Siedlung, sind die riesigen Fischfabriken, die logischerweise jeweils am Hafen stehen und die Einkünfte, das Überleben der Gemeinschaft generieren. Auch in Qaqortoq wird fleissig gebaut, hat man den Eindruck, die neuen Gebäude sprengen aber die bisherige Massstäblichkeit, übergrosse Mehrfamilienhäuser, Wohnblocks poppen neuerdings auf. Neue, ungewohnte Wohnformen und mehr Probleme wahrscheinlich. Anonymität! Ist das ein Zeichen von Wachstum oder vielleicht Resultat einer Migration der Leute aus den abgelegenen Dörfern in die grösseren Siedlungen. Wie überall auf der Welt.

 

Ortsmuseum, mit einem kleinen Souvenirladen. Eine Trittfalle für ahnungslose Touristen: Achtung Artenschutz! Die kunstvoll geschnitzten Tupilaks dürfen in den meisten westlichen Ländern nicht eingeführt werden, denn sie stammen aus Materialien von Meerstieren, die heute als geschützt gelten: Knochen, Hörner, Zähne. Johanna ist da dezitiert anderer Meinung. Noch einmal! 'Wir verwenden alle Teile des Tieres, wir vergeuden nichts.' Wir gebrauchen das Fell, die Knochen, die Zähne, einfach alles. Ich schlendere ziellos im Laden herum, bestaune die handwerklich hervorragenden Arbeiten. Da steigt mir ein vertrauter Geruch in meine Nase, ein Geruch der mich an meine Kindheit erinnert. Eindeutig. Aber was ist es? Eine kleine Tasche, welche mit einem sperrigen borstigen Seehundfell überzogen ist gibt mir die Antwort. Eindeutig. Das ist der Geruch meines ersten Schulranzens, 1.Primarklasse, alle unsere Schulranzen waren zu dieser Zeit mit Seehundfell belegt. Das war in! Zumindest bei den Buben. Ein Geruch der sich mir unvergesslich eingebrannt hat. – Dazwischen gibt es Bilder von abgeschlachteten Robben, gibt es BB. Ich verstehe. Aber sind es tatsächlich die Inuits, welche diese Massaker begangen haben?

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