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dazwischen

Rangun, Burma

2013

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Dazwischen - Leere

Bausteine - Sinnlichkeit - Haptik

Bausteine - Rhythmus - Melodie

'Architektur definiert die Leere, es ist an dir diese zu füllen.'

Luigi Snozzi

09.12.2013

Aus dem Reisetagebuch

Ganzer Tag in Rangun. Was wird uns erwarten? Hat sich Rangun verändert?

 

Aus Thant Myint U, 'The river of lost footsteps'

Over the early 1990's Central Rangoon was transformed. Private business was encouraged for the first time in thirty years and there was a wholehearted push for foreign investment. Dozens of four star and five star hotels, with luxury spas and inviting swimming pools, came up around town. The Strand Hotel was bought up by international hoteliers and remade into a jet-set oasis. Crumbling colonial aera mansions were fashioned into boutiques and trendy restaurants offering everything from Korean to Italian cuisine. Nationalized firms were sold off. There was talk of a stock market.There were new cars, new traffic jams, new cinemas, and new things to buy. Burma‘s first shopping malls finally offered tenagers wearing hundred dollar Levi‘s 501s, a place to hang out. The social pages of the foreign managed 'Myanmar Times' cheerfully reported on cocktail parties and fashion shows. And there was satellite television, with MTV and CNN, and the very beginning of Internet access. For many life eked on as before. For some of the urban poor it was worse, with rising prices and new developments forcing them out of the city center. But for thousands of people in the middle class there was a bittersweet taste of what had been missing and cautions air of possibility.

 

Am Morgen Spaziergang durch die Altstadt, 'Nyein Nyeins Gassen'. Sie geht immer hier durch, parkiert an der gleichen Stelle. Schmale, hohe Häuserschluchten, pfeiffengerade Kolonialplanung, stur und britisch diszipliniert, die wahrscheinlich nur das geübte Auge eines Architekten als 'schön' bezeichnen wird, von einem Briten auf dem Zeichenbrett entworfen. Sechs, siebengeschossige schmale Häuser mit kleinen, vergitterten Fenstern, mit Müll verstellten Veranden, im Erdgeschoss kleine dunkle Läden. Die Strasse ist der öffentliche Raum für die Gemeinschaft, auf welche sich diese Läden äussern. Der Atem der Zeit hat die Fassaden arg mitgenommen, Beton, Putz und Feuchtigkeit sind nicht die besten Freunde und trotzdem ist das Ambiente lebhaft, wirkt nicht verfallen. Dem Architekten gefällt was er sieht, er kann sich nicht sattsehen. 'Ein klares Konzept!' denkt er sich.

 

Das Lächeln ist noch da. Nyein Nyein spaziert durch ihre Standartstrasse, ich erkenne sie wieder, schmal, eng und von emsigem Strassenleben überquillend. Alles ist noch so, wie ich es vor zwei Jahren hinterlassen habe, der Reispapierladen, die durch die vom Staub geschwängerte Luft fliegenden durchsichtigen Reisfladen, die nach einem wilden Flug jungfräulich auf einem heissen Blech plaziert landen und dort zur Frau gebacken werden, der Nudelladen, wo die Bewohner ihre frischen Morgennudeln für die traditionelle Mohinga holen und das Gekaufte dann in ein Körbchen legen, das von flinker Hand aussen an der Fassade hochgezogen wird, wo Fische puhlende Frauen das Gehirn aus den leeren Körpern der Crevetten kratzen, eine Delikatesse, wo der Wurststand mit den fürchterlich chemisch ausschauenden roten Würsten, was sollen die flachen pizzaartigen Wurstkreationen, mich eher entsetzt abschreckt, denn anlockt, wo die direkt auf Plastikblachen auf der Strasse ausgebreiteten Gemüseauslagen regelmässig benetzt werden müssen. Eine Frau verkauft Betel, die saftig grünen Blätter formen in ihrem Korb eine Krone des Genusses. Alles ist wie immer und schon seit Generationen so, nur dass die Strasse jetzt geteert ist, das letzte Mal war die eine Seite noch ein staubiges, 40 cm tiefer liegendes holpriges Schotterbett. Inzwischen waren Wahlen und Versprechungen, die offenbar eingehalten worden sind. Autos zwängen sich deshalb zwischen auf der Strasse sitzenden Gemüsefrauen, Träger mit unmenschlichen Lasten auf dem Buckel keuchen vorbei, Mönche schweben entrückt, ihre Opferschale schützend vor sich haltend, durch den Menschenbrei. Werden nicht berührt. Beissender Tabakgeruch streitet mit deftigem Fischgeruch um die geruchliche Vorherrschaft. Einige wenige Häuser sind durch neue, anonyme Hochbauten in Stahl, Glas ersetzt worden. Abwaschbare, anonyme Klone ohne persönlichen Charakter, wahrscheinlich Renditebauten der Drogenbarone, der chinesischen Wa‘s, die das Land nicht nur physisch, sondern auch geistig infiltriert haben. Das Geld vertreibt das Leben, Geld lebt in Tresoren.

 

Das Raster dieser Wohnschluchten ist rechtwinklig zum Fluss angeordnet, so dass sich der Blick in der Unendlichkeit des Wassers, des Yangon, verlieren könnte, wäre die Luft klar und wird von zwei Hauptstrassen quer dazu, parallel zum Yangon durchschnitten. Ein einfaches Stadtraster, beinahe schon banal, aber unglaublich effizient, da durchdacht. Das Einfache ist nie banal! Die Ausrichtung und die Enge des Strassenraumes beschützt diesen wirkungsvoll vor der brütenden Hitze, gleichzeitig ist der harte Strassenraum ohne Grünflächen besser auf den Ansturm der alles aufweichenden Monsumstürme gewappnet. Auf diese Weise kann in diesen 'Schluchten' auf Strassenniveau ein lebendiges Gemeinschaftsleben stattfinden. Und trotzdem, es kommt auf die Qualität der Spieler an.

 

Luigi Snozzi: 'Architektur definiert die Leere, es ist an dir diese zu füllen.'

 

Dieses rigide Konzept erträgt nicht viele anonyme Glasbauten, die kein Gefühl für die Gemeinschaft zeigen. Es ist der Wille zur Gemeinschaft, der dieses einfache Raster mit Leben erfüllt. Eine sehr heikle Balance, die in anderen Städten nicht immer getroffen wird. Das gleiche Muster wird an anderen Orten zu schamlosen Renditebauten ohne Charakter. 

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