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sowohl als auch

Shisendo, Kyoto, Japan

1985 / 2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine Grenzen - Sowohl als auch

Bausteine Licht - Schatten

Shisendo - Sowohl als auch, Licht und Schatten

Das Konzept von sowohl als auch

Engawa innen und aussen nicht entweder oder

10.03.1985

Aus dem Reisetagebuch

Gedanken zur Andersartigkeit der Japanischen Kultur

 

Die Dunkelheit wird mit 'emtiness', der Leere, gleichgesetzt. Die Leere unter einem beschattenden Dach, dem Urtypus eines Shinto Schreines. Als dieses Konzept der Leere für den bewohnten Raum adaptiert wurde, hat sich dieser von allen vordisponierten Vorstellungen lösen können, wird zu einem Neutrum, dessen bestimmter Zweck als Wohn-, Schlafraum oder was auch immer, erst durch die Anwesenheit der auf die jeweilige Nutzung hinweisenden Möbel bestimmt wird. Die Reinigung des Raumes wird zu einem Grundkonzept. Man wird sinnbildlich vom Licht in die Dunkelheit des Schreines geführt und damit spirituell in die Dunkelheit der Seele (spirit), der eigenen Leere, um sich solchermassen von weltlichen Ablenkungen befreien und sich so auf die kami, das Wesen der Dinge konzentrieren zu können. Aus dem Schatten der Dunkelheit vermag eine neue Person, vermögen neue Räume zu entstehen. Der Raum ist durch den einfallenden Schatten, dem von der Dunkelheit gefilterten Licht bestimmt. Der Raum ist nicht ein von geometrischen Spielen, Einzelfragmenten, bestimmter Ort, sondern ein leerer Raum, dessen Atmosphäre durch die Tiefe des Dunklen, Schattigen, des Spiels des minimalen Lichteinfalls in diese Leere geprägt wird. Es entsteht ein übergeordnetes Zusammenspiel, welches den sich im Raum Befindenden nach und nach prägt und ihn als Gesamtheit, nicht durch seine Einzelteile beeinflusst. Dabei übernimmt die Person eine aktive Rolle, muss sich diese Sinnesreize aneignen. Es entsteht ein unserem Kulturraum fremdes Raumgefühl.

 

In Kombination mit dem Prinzip des 'Dualen', dem sowohl als auch, sowohl innen als auch aussen, werden Raumgrenzen weggeschoben, die Leere unter dem Dach weitet sich ungehindert, auch ohne eine trennende Glasscheibe, in den Garten, in die Natur, man sitzt gleichzeitig im Haus aber auch im Garten. Das Haus mit zugezogenen Fusumas als introvertierter Raum erlebbar, mutiert plötzlich zu einem offenen Zelt. Die Qualität des Raumes wird nicht durch seine Möbel definiert, sondern durch die Raumkonstellation, die verändert werden können. 

 

 

12.04.2015

Aus dem Reisetagebuch

 

Shisendo, die Villa eines dichtenden Kriegsherrn der Tokugawas, ein poetischer Rückzugsort, eines in Kriegen abgehärteten, an den Hügeln des Hie unweit der kaiserlichen Shugakuin gelegen. Unsere drei Taxifahrer bilden einen 'Suisu (Swiss) Konvoi'. Shisendo ist vom touristischen Strom abgeschnitten, ist beinahe menschenleer, das Grün der zu Kugeln geschnittenen Hecken betört die Sinne. Ansonsten blüht zu dieser Jahreszeit gerade wenig, eine grüne Monochronie betört das Auge, das sich zuerst an das Gegenlicht gewöhnen muss. Die Ahornbäume winken, vom zunehmenden Winde leise bewegt, der Bambuswald reibt noch keine Stengel, da braucht es mehr, es beginnt zu tröpfeln, zuerst zaghaft, dann die ersten Regenfäden, schliesslich schiessen dichte Regenfetzen in den Kiesboden, versuchen das von Gärtnern sorgfältig gerechte Kiesbild aufzuweichen. Vergeblich. Die Gärtner schreiten selbstbewusst zur Tat. Regen bedeutet, der Garten wird kurz gesperrt, keine Besucher, die Hecken können mit langen Scheren getrimmt werden. Klick, Klack, Klick, Klack, unterbrochen vom periodischen Aufschlagen des mit Wasser gefüllten Bambusrohres, welches sich übergibt und dann auf einen Stein zurückschlägt. Eine effektive Vogelscheuche. Wie sind diese Geräusche Heimat für mein Ohr. Wir sitzen gedankenverloren auf den Tatamis in der Hütte, oder ist es ein Regenschirm und schauen die CD Regen, hören die Symphonie des Wassers in grüner Landschaft. Es pisst mittlerweilen in strömen. Kultur und Natur verschmelzen.

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