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mehr als ein gebäude

Shwedagon, Rangun, Burma

2013

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Dazwischen - Leere

Bausteine - Grenzen - Sowohl als auch

Bausteine - Gegensätze - Dualität

Wie ich endlich die letzten Stufen erklimme und hinunter schaue, in den Schlund der Treppe, kommt es mir vor, als schaute ich in den dunklen Hades der Unterwelt, dünkt mich, ich sei bereits ein anderer Mensch geworden, möglicherweise habe ich nicht nur die Schuhe und den weltlichen Dreck unten gelassen.

08.12.2013

Aus dem Reisetagebuch

 

Shwedagon, das kräftig schlagende Herz von Burma, das ich sofort spüren muss, sobald ich in Rangun eingetroffen bin, es zieht mich magisch dahin, so auch diesmal und das Leben pulsiert wie eh und je um den goldenen Phallus. Wunderbar. Shwedagon ist das Eintauchen in eine andere Welt. Zwar ist vom ursprünglichen Wassergraben um den heiligen Bezirk fast nichts mehr zu spüren, heute schneidet eine stark befahrene Strasse den ehemaligen 'Waldhügel' von der Stadt ab. Die riesigen, die vier Aufgänge bewachenden Drachenlöwen kauern zwar noch immer vielsagend grinsend neben den vier mächtigen Treppenaufgängen, werden jetzt jedoch vom Verkehr umspült. Wie lauernde Katzen scheinen sie darauf zu warten, den ungläubigen Pilger verschlingen zu können. Wem es gelingt, sich an ihnen vorbei zu schleichen, tritt augenblicklich in eine andere Welt ein: da lärmiger Verkehr, grelles Sonnenlicht, schwüle Hitze, hier eine gedämpfte Atmosphäre, andächtige Ruhe, langsame Bewegungen, ein kühler Fallwind transportiert verführerische Düfte. Vor mir liegt die 'stairway to heaven', eine endlos scheinende, steil ansteigende Himmelsleiter, hinauf auf die Plattform, den heiligen Bezirk. Als äusserliches Zeichen der Demut werden die Schuhe ausgezogen und damit der Dreck der Welt abgestreift. Die Briten erzürnten die Burmesen, als sie beschlossen, den heiligen Bezirk mit Schuhen betreten zu wollen und lösten damit eine kleine Revolution der Mönche aus. Ich erschrecke jedes Mal, sobald ich barfuss die ersten schüchternen Schritte tue, denn der Steinboden ist kühl, manchmal klebrig, manchmal auch nass. Dabei hat sich der 'richtige Pilger' seine Füsse an den dafür vorgesehenen Wasserbecken bereits gereinigt. Jeder Schritt wird ein ungläubig vorsichtiges Abtasten, es ist für uns Europäer ungewohnt, barfuss zu gehen. Die Sinne werden jedoch wirkungsvoll abgelenkt. Links und rechts wird der Treppenaufgang von kleinen Läden begleitet, die den Pilger daran erinnern, nicht mit leeren Händen vor Buddha zu treten. Das Geben scheint den Burmesen ein ebenso selbstverständliches Grundbedürfnis zu sein wie das Essen. Jetzt erkenne ich auch den Ursprung des verführerischen Duftes: Jasmin und Lotus verstreuen ihr Parfüm. Zu Girlanden gebunden werden diese an den dafür vorgesehenen Stellen hingelegt. Ich kaufe Jasmin und will sie meinem Elephanten, dem Tier meines Namenstages bringen. Mein Weg nach oben dauert lange, denn es gibt viel zu sehen und zu staunen. Der Duft der Insensstäbchen belämmert den Geist, bereits entrückt steige ich die Steintreppen empor. Neben mir tanzen die Spagetti einen Tango. Burmesische Kleidung neigt zur strengen Vertikale, enge lange Longyis, darüber eng geschnittene weisse Hemden für die Männer, farbige Blusen für die Frauen. Lautlos tanzen sie an mir vorbei, die einen nach oben, die anderen nach unten. Es gibt keine vorgeschriebene Zeit für die Gebete, aber eine heisse Tageszeit und Morgen und Abende, die weniger heiss sind. Deshalb gehen viele Burmesen in den frühen Morgenstunden in der Shwedagon beten.

 

Wie ich endlich die letzten Stufen erklimme und hinunter schaue, in den Schlund der Treppe, kommt es mir vor, als schaute ich in den dunklen Hades der Unterwelt, dünkt mich, ich sei bereits ein anderer Mensch geworden, möglicherweise habe ich nicht nur die Schuhe und den weltlichen Dreck unten gelassen. Ich trete aus dem schattenspendenden Vordach des Treppenaufganges hinaus in die gleisende Sonne. Der helle Steinboden scheint zu vibrieren, für einen kurzen Augenblick muss ich meine Augen schliessen, das goldene Antlitz Buddhas ist kaum auszuhalten. Grell und vor allem heiss. Vor mir berührt eine goldene Nadel sowohl den Himmel, als auch den Boden, kreisen demütige Menschenkinder wie unbedeutende Sterne am Firmament um ihr spirituelles Zentrum. Die Augen müssen sich zuerst an diese gleisende Pracht gewöhnen, ich suche einen Schattenplatz unter einer der zahlreichen Holzpagoden, welche in gebührendem Abstand um den zentralen Stupa gebaut worden sind. Ein sehr urbaner Ort, eine Stadt, die auf alten Fotos noch zu erkennenden Bäume sind bis auf zwei lange, einsam stehende Palmen, verschwunden. Aus dem Baumwald ist ein Pagodenwald geworden. Ein Wald der Spiritualität.

 

Ruhe und Bewegung. Profan und religiös. Entspanntes Schlendern, gedankenversunkenes Beten, eine Tankstelle der verletzten Seele. Alles Zusammen. Frauen wischen, wie ein Haarkamm aufgereiht, mit weichen, flauschigen Besen den ohnehin schon sauberen Boden. Kleine Nonnen, noch Novizinnen, folgen ihrer Äbtin aufgeregt feixend, eine rosarote Perlenschur bildend. Flaxende Mönche machen ein 'Selfie'. Neben mir campiert eine junge Familie im Schatten. Sie Essen ihr Abendessen, dass sie in kleinen Metallbüchsen mitgebracht haben, die Kinder spielen übermütig. Direkt vor mir kauert ein älteres Ehepaar auf dem noch heissen Marmorboden, beide sind in sich gekehrt, halten die Hände gefaltet vor ihrer Brust, murmeln stumme Gebete, vom kreisenden Menschenfluss ungerührt umspült. In der nächsten Pagode schwitzen Novizen. Sie müssen offensichtlich eine Prüfung ablegen, schauen abwesend konzentriert, teilweise auch etwas verzweifelt auf das vor ihnen liegende, noch weisse, unbefleckte Papier. Im hinteren Teil der Halle lungern ältere Mönche lasziv, mit strengem, oder ist es ein arroganter Blick, in Sofas. Die ehrenwerten Personen sitzen stets höher wie der Pöbel. Möglicherweise sind dies die Lehrer, welche die Prüflinge überwachen. Die Shwedagon ist auch eine Schule.

 

Heute ist Sonntag und so pilgern viele einheimische Familien mit Kindern um die goldene Stupa. Ein richtiges Gewusel von Leuten, die von unsichtbarer Hand geleitet aneinander vorbeibalancieren. Ich treffe nicht ein aggressives, oder auch nur unfreundliches Gesicht. Der Fremdling wird mit einem offenen 'Mingalaba' willkommen geheissen. Diese Offenheit Fremdem gegenüber ist beschämend. Es ist einfach Kontakte zu knüpfen, die Leute sind neugierig, wollen wissen woher man kommt. Nein, dieses Meer der Reinheit hat der westliche Schmutz noch nicht vergiftet! Die wenigen Fremden werden vom Pilgerstrom aufgesogen und wie Sterne am Firmament um die Pagode gespült. Wir setzen uns und entlassen das Tageslicht in den vorübergehenden Ruhestand. Es ist bereits Abend. Wir haben das Gefühl für die Zeit verloren, haben keinen Plan, kein Müssen plagt den Fluss der Gedanken. Selbstverloren, vielleicht - und doch aufgefangen. Der Besuch in der Shwedagon ist wie das Bad in einem Jungbrunnen, wenn man denn offen dafür ist. 

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