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empfangen nicht betteln

Shwezigon, Bagan, Burma

2013

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Dazwischen - Leere

Bausteine - Licht - Schatten

'Das Spiel der Kuben im Licht der Sonne', Le Corbusier hätte seinen Spass.

21.12.2013

Aus dem Reisetagebuch

Bagan. Heute ist Frühaufstehen angesagt, 07.00 Uhr Morgenessen auf der Terrasse. Der Morgentau tropft feucht auf die Holzplanken, das Frühstücksbüffet stellt wärmende Mohinga bereit, für die Eier ist es noch zu früh. Der Besuch früh am Morgen in der Shwezigon ist ebenfalls ein Ritual. Die lange Eingangskolonade ist noch nicht von der Sonne zum Leben erweckt worden, die Bäume sind seit meinem letzten Besuch gewachsen, verwehren der Sonne den frühen Eintritt. Wie bei der Shwedagon wird der zentrale Tempelbereich auch hier über vier, die Himmelsrichtungen markierenden Treppenaufgänge erschlossen. Nur dass hier, die Aufgänge beinahe flach sind, wenige Stufen den minimalen Höhenunterschied überwinden müssen. So sind diese Aufgänge eher Zugänge, einladende Zungen, den Pilger ansaugend, methaphysische Schnorchel. 'Das Spiel der Kuben im Licht der Sonne', Le corbusier hätte seinen Spass. Eine Familie hat provisorischen Unterschlupf gefunden, campiert im Schutze der leeren Kolonade. Die Souvenirstände sind noch geschlossen, einzelne Frauen schlürfen Mohinga, rüsten sich auf den Ansturm der Besucher, doch dieser südliche Eingang fristet noch immer ein Dornröschendasein, hier halten keine Busse. Man ist unter sich. Der Steinboden ist kalt, mein Körper erschaudert, will einfach keine Wärme finden. Wieder einmal, denke ich mir. Obwohl die Sonne bereits seit über einer Stunde aufgegangen ist, sind wir noch alleine, die Shwezigon ist, im Gegensatz zur Shwedagon, wunderbar ohne Leute. Die Shwedagon braucht den Fluss des Lebens, die Shwezigon die Leere. Diese wird uns gegönnt, wunderbar, vereinzelt murmelt ein Mönch seine Gebete, machen Frauen ihre Morgentoilette, Essen ihr Frühstück. Eine alte Frau übergiesst die Tagesschreine mit Wasser, das Böse abwaschend! Gerade ist sie dabei, 'meinen' Elephanten, das Tier des am Mittwoch Geborenen zu reinigen, ich schaue ihr gedankenverloren dabei zu. Ein junger Mönch spielt verliebt mit einem jungen Hund! Die beiden necken sich liebevoll, der Bube vergisst, weshalb er eigentlich hier ist, seine tägliche Betteltour wird kurz unterbrochen. Nyein Nyein belehrt mich. Die Mönche betteln nicht, Ihnen wird gegeben. Es darf nur gegessen werden, was in die runde schwarze Schale gelegt wird. Jeden Tag. Jeder Burmese lebt einige Zeit als Mönch oder Nonne in einem Kloster, dort wird er ausgebildet aber gleichzeitig begibt er sich in die Obhut der Gesellschaft. Die Verwandlung des verwöhnten, reichen Prinzen Siddartha zum demütigen Almosen erhaltenden Mönch. Was für ein Konzept! - Ein anderer Novize, kaum fünf Jahre alt, ist in warme Tücher gehüllt, ein gelb rotes Knäuel, auf dem Kopf trägt er eine knallrote Strickkappe, mich daran erinnernd, dass es immer noch frisch ist. Der kleine Buddha wird kaum 5 Jahre alt sein und es ist beeindruckend, wie die Frauen ihn sichtbar umsorgen, seine Bettelschale üppig füllen.

 

Wie auf Knopfdruck füllt sich die Anlage, vor allem mit burmesischen Pilgern, die Ausländer schlafen noch. Die Shwezigon ist nach der Shwedagon und dem Mahamuni das wichtigste buddhistische Heiligtum Burmas. Der Fluss des Lebens zeichnet sanfte Wellen in den ruhigen Milchozean. Nyein Nyein erklärt Fritz und Sharon die Nats, ihre Bedeutung für den Burmesen, Lisa kauft zwei Natschalen, eine für Sharon, die sich nicht getraut. Fritz tigert herum, wirkt ruhelos. Ich gehe dort hinaus, wo man üblicherweise hereinkommt, Sand im Getriebe, unser Lebensmotto, gegen den Strom schwimmen. Im Haupteingang pulsiert mittlerweile das Leben, Plastikschmetterlinge werden verteilt, die Läden buhlen um Kunden, gekauft wird wenig. Die Sonne hat sich diese Kolanade bereits vorgenommen und zeichnet geometrische Bachfugen als Schattenmuster auf den Steinboden. Steingewordene Musik. Eine alte Frau sitzt im Halbschatten, pafft an einer riesigen Cheerot, es könnte die alte Frau sein, mit der ich vor über 28 Jahren in Bagan mein Brillenetui gegen Opiumgewichte getauscht habe. Aber nein, sie müsste ja mittlerweile über 100 Jahre alt sein. Die Zeit vergeht, das Wichtige bleibt. Jeder und jede hat seinen, ihren Doppelgänger. Shwezigon, Mon amour! 

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