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Der Preis des Fortschrittes

Stromness, New South Georgia, Antarktis

2015

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

26.01.2015

Aus dem Reisetagebuch

Bereits in der Nacht sind wir in Stromness Bay angekommen, das Schiff ankert in der Bucht, die von sanften grünen Hügelzügen bewacht wird. Am Morgen werden wir vom flehenden Geheul tausender Robben begrüsst. Der Trauergesang der Robben dünkt mich. Das Requiem der Natur, ein heiseres Morgenkonzert in einer unwirklichen 'Kaurismäki Landschaft'. Das blaue Meer, die silbern bleiernen Wolken nehmen das rostige Stromness in ein farbliches Sandwich. Als längst verlassenes Überbleibsel eines wahren Walinfernos dämmert es heute ungebraucht vor sich hin. Vergessen! Die Natur ist zurück, der Strand wird von Pinguinen und Seebären belagert, die das Klagelied des Mordes anstimmen. Sogar die Berge tragen Trauer, ein giftgrünes Flechtenkleid auf schwarzem Untergewand. Im Hintergrund droht ein Gletscher damit, die Hütten zu fressen. Stromness, das Dorf, darf nicht besucht werden, wir müssen einen Sicherheitsabstand von 200 Metern einhalten. Einerseits ist die ganze Anlage baufällig, andererseits wurde zur damaligen Zeit mit Asbest gebaut. Asbest ist, was die Kultur zurückgelassen hat. Stromness duckt sich am Ausfluss eines kleinen Tales, das über eine sehr morastige Landschaft ca. 2 km zum Wasserfall führt, der aus den hohen, schneebedeckten Bergen sprudelt. Stromness ist ein Haufen Rost, eine gigantische Skulptur, die auch Chillida oder Serra nicht besser hinbekommen hätten. Eine monochrome Tinguely Skulptur, mit Schrauben, Rohren und Ankern. Nur am Wasser, in der ersten Reihe stehen einige Holzhäuser weiss gestrichen, Wohnhäuser, die Lagerschuppen und Fabriken sind allesamt mit Wellblech verkleidet, die Dächer am einstürzen. Auf der saftig grünen, morastigen Wiese warten ein vergessener Anker und riesige Schiffsschrauben auf bessere Zeiten. Sie werden nicht mehr kommen. Das Rost der riesigen Tanktürme, in welchen das Walöl gelagert wurde, kontrastiert mit dem Gelb der Flechten, dem saftigen Grün der Moose. Hier trifft sich Natur und Kultur! Einmalig. Der Wind fegt durch die Häuser, als wäre es ein verlassenes Westerndorf. John Wayne fehlt, dafür spielen Robben Indianer. Aus sicherer Deckung belauschen sie uns, stürzen mit ihrem heiseren Kriegsgeschrei auf uns zu, um sich dann aber doch zu erschrecken. Junge Racker, die ihren Mut erproben wollen. Angeber, Pupertierende. Treiben sie es zu bunt, werden sie von Erwachsenen lautstark zurückgerufen, in die Schranken gewiesen. Der ganze mit schwarzem Kies belegte Strand ist voll von Seelöwen und Seebären. Die Jungen sind noch sehr klein, ein bis zwei Wochen alt, verzauselte unförmige Wollknäuel, vor allem wenn sie gerade aus dem Wasser kommen. Die ganze Kolonie scheint sehr relaxed zu sein. Wir haben weniger Angriffe der Jugendlichen abzuwehren als in Salisbury Island. Der Steinstrand geht schnell in eine morastige Mooslandschaft über. Saftiges Grün, leicht federnd, dahinter Moorgräser, bräunlich grau, Hügelzüge, steinig metallene Rottöne, vulkanisches Schwarz, dann erste Schneeflecken, die Spitzen verschwinden in einem mystischen Nebel. Die Robben liegen auf dem Strand in grösseren Gruppen zusammen, auf dem grünen Bett sind es einzelne Familien, Weibchen mit ihrem Jungtier, selten auch der Bulle, der sich jedes Jahr ein anderes Harem sucht. Wie unpraktisch, er muss sich regelmässig Konkurrenzkämpfen stellen, sieht dementsprechend geschändet aus. Arme Männerwelt. Oder sind es die Weibchen, die sich ihren Gatten suchen? Egal. Wenn sie nicht gerade dösen, putzen sie sich, ihre Glieder geschmeidig verrenkend. Die Sonne kommt heraus, Zeit für ein Sonnenbad, hoch aufgereckte Körper, deren silbernes Fell sich deutlich vor dem grünen Hintergrund abhebt. Ca. 300 Meter vom Meer entfernt liegen dann keine Robben mehr im Weg, in der Mitte des Tales schiebt ein kleines klares Rinnsal Millionen Steine vor sich her, am Fusse der Abhänge ist der Boden morastig, wir gehen im Gänsemarsch über ein federndes Moosbett. So könnte das Paradies aussehen, siniere ich gedankenverloren. Eine wahrhaft jungfräuliche Landschaft. Unter den Stiefeln quietscht und gluggst glasklares Wasser. Der Spaziergang dauert ca. 45 Minuten bis zum Shackelton Wasserfall, heute einem Rinsaal, das mehr von seiner geschichtlichen Bedeutung zu leben scheint. Der Blick zurück überrascht, Stromness ist nicht zu sehen, man müsste schon den Berg hinaufklettern, von dort oben wahrscheinlich. Das Spektakuläre dieser Landschaft, die mich sehr an Schottlands Hochland erinnert, ist die Vielfältigkeit seiner Pflanzen und Steine. Steine darf Lisa nicht mitnehmen, dafür werden diese von ihr minutiös photografiert. In dieser Landschaft wird man ganz klein, Teil der Natur. Und es ist schon eine Ironie der Weltgeschichte, dass gerade ausgerechnet in diesem Tierparadies hier ein Überbleibsel unserer Kulturgeschichte vor sich hinrostet und uns daran erinnert, dass ohne das Walöl die industrielle Revolution einen anderen Weg gegangen wäre. Kein Leben ohne den Tod. Auch hier. Und jetzt wo das Blut nicht mehr fliesst, die Trantanke leer stehen, strahlen diese Todesmaschinen eine faszinierende Schönheit aus, verschmelzen als Gegensatz mit der Landschaft. Aber, eins lernt man auch. Die menschliche Kultur ist wieder weg, die Tiere sind geblieben. Und das ist gut so.

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