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Vertrauen

Bwindi National Park, Uganda

2017

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

Sein Blick ist stechend klar, nicht agressiv, nicht fragend, bestimmend, durchdringt meine Augen, nagelt mich in den Regenwald fest, da gibt es kein Entrinnen. Ich senke meinen Blick, gebe ihm zu verstehen, dass er der Boss ist.

25.01.2017 

Aus dem Reisetagebuch

 

Ein Besuch beim Silberrücken

Ich sitze im Regenwald Bwindis, riesige, wohllüstige, giftig grüne Farne, Bäume werden von Kletterpflanzen erwürgt, feucht schwüler Dampf steigt aus dem mannshohen Gras in die Dunkelheit der Baumwipfel, wir schwitzen und keuchen, das Gelände ist steil, sehr steil, haben bereits eine mehrstündige Krakselei durch eine fantastisch abgedunkelte Märchenwelt hinter uns. Im Reich der Kinderträume. Die zwei einheimischen Führer stoppen unvermittelt, im Gras direkt vor uns brechen Zweige, ein Geräusch, das die unheimelige Stille des Momentes durchdringt, als hörten wir das Brausen des nahen Ozeans. Atemloses Staunen. Und – da sitzt er, stopft sich Blätter in den Mund und betrachtet uns aufmerksam. Der Silberrücken. Vom vorgeschriebenen Sicherheitsabstand von sieben Metern will er nichts wissen, er sitzt kaum 3 Meter von mir entfernt im hohen Gras und mampft. Sein Blick ist stechend klar, nicht agressiv, nicht fragend, bestimmend, durchdringt meine Augen, nagelt mich in den Regenwald fest, da gibt es kein Entrinnen. Ich senke meinen Blick, gebe ihm zu verstehen, dass er der Boss ist. Er verschiebt seinen Essplatz, wenige Meter, wälzt seinen massigen Körper wie einen, allerdings sehr agilen, Panzer durch das Dickicht, wir vorsichtig verdutzt hinterher. Er bleibt wieder sitzen, wieder dieser messende Blick, weiter mampfend. Dieses Schauspiel wiederholt sich etwa fünf Mal, wir dringen mit ihm als Führer in undurchdringliches Dickicht ein, er bahnt uns einen Weg. Und dann legt er sich unter einem Baum plötzlich auf den Boden und mimt den Schlafenden. Unter dem Laubdach sitzen zwei bis drei Gorillaweibchen, spielen drei kleine Kerle, eine Mutter hat das wenige Tage zuvor geborene Junge, ein Hämpfelchen Gorilla, auf ihrem Bauch liegen. Unglaublich, wir dürfen wenige Meter entfernt in das Intimste, das Wohnzimmer der Familie schauen. Ich kann mich des Eindrucks nicht erwehren, der Silberrücken habe uns abgefangen, gemustert, für sich entschieden, er könne uns vertrauen, uns direkt hierher zu führen. Er will uns seine Familie vorstellen. Wir hätten diesen Ort ohne seine Führung niemals gefunden, hätte er gewollt, hätte er uns locker abhängen können, aber er hat auf uns gewartet. Jetzt liegt er träge dösend da, überlässt seinem Nachwuchs die Bühne. Und die wird genutzt. Die drei kleinen Affen tollen übermütig herum, spielen 'Fangis', ringen spielerisch miteinander, an einer Liane hangeln sie durch die Hütte, Tarzan life, um dann bedeppert auf dem Boden zu landen, weil die Liane ihr Gewicht nicht hält und zerreisst. Hoppla, dumm gelaufen. Immer von ihrer Mutter und diversen Tanten liebevoll streng beäugt, beaufsichtigt. Einmal kommt einer der Kleinen neugierig auf uns zu, bleibt kaum zwei Meter vor uns stehen, steht auf, schlägt sich in Tarzanmanier auf die Brust, zeigt sein furchterregendes Gebiss, rennt dann aber verängstigt zurück zu Mamma. Ein richtiger Höseler, ein Wichtigtuer. Ich habe das Gefühl, die Kleinen wollen uns imponieren, ihr Verhalten ist demjenigen von Menschenkindern sehr ähnlich: dem Besuch imponieren, sich in den Mittelpunkt stellen. Die Grenze zwischen Tier und Mensch verschwimmt. Ich würde mir nicht anmassen, von einem zum Denken unfähigen Tier zu sprechen. Möchte gerne wissen, was da wohl in deren Köpfen vorgeht. Sie kommunizieren eindeutig mit uns, einfach in einer Fremdsprache, die wir leider nicht verstehen, das heisst, die Tracker kennen einige ihrer Worte. So hat der Silberrücken seiner Familie mit einem langgezogenen, sirenenartigen Grunzlaut zu erkennen gegeben, dass von unserer Seite keine Bedrohung zu erwarten ist, alles ist in Ordnung, keine Gefahr. Die Familienmitglieder, gemäss Tracker sollen an die 17 weitere Gorillas um uns herum im Dickicht sitzen, haben diesen Laut quittiert, verstanden. Jetzt döst der Boss entspannt, alles unter Kontrolle, nur einmal, wie der Sohn ihn übermütig, Söhne haben das so an sich, in die Zehen beisst, lässt dieser seine Kraft sekundenschnell aufblitzen, der Störenfried fliegt mittels eines gezielten Kickes durch die Luft, als wäre er eine Feder und landet benommen im Laubbett. Ungläubig verdutzt schaut er uns an, einem Schwinger der seinen Kampf gerade verloren hat, aus dem Sägemehl auftaucht, nicht unähnlich. Wir stehen ohne miteinander zu reden vor der 'Hütte' und schauen dem Schauspiel sprachlos verblüfft zu.

 

Eine Stunde dürfen wir bei den Gorillas sein, dann ist es Zeit, uns wieder zurück zu ziehen, ist die Audienz beendet. Ich habe nicht das Gefühl, die Tiere seien durch uns gestört gewesen. Im Gegenteil, die Kleinen haben es sichtlich genossen, Zuschauer, ein Publikum zu haben. Primatenforscher sagen, dass während 1000 Stunden Gorilla-Beobachtung lediglich während 7 Minuten Agressionen ausgelebt wurden. Der Mensch könnte sich dieses Verhalten als Vorbild nehmen. Offensichtlich haben die Gorillas andere Methoden, Konflikte miteinander auszutragen als der Mensch. Diane Fossey war zeitlebens eine vehemente Gegnerin von Gorilla Trekking. Es scheint aber schon so zu sein, dass diese Form des Tourismus mithilft, das Habitat der Gorillas schützen zu können und zudem für die Bevölkerung eine wichtige Einnahmequelle darstellt, die Weltöffentlichkeit sensibilisiert. Ben, der seinen Job als Guide und Tracker bereits seit 20 Jahren ausübt, erzählt uns etwas traurig, dass in diesem Wald noch vor 60 Jahren Löwen und Leoparden heimisch waren, die Siedler aber mit ihrer Felderwirtschaft den Wald geteilt und weite Teile für Ackerbau abgeholzt hätten. Das Leben ist eine Balance zwischen den einzelnen Teammitgliedern. Eine stetig neu zu organisierende Balance. Der Mensch glaubt, er sei der gottähnliche Regulator, glaubt für alles verantwortlich zu sein. Dabei ist er der Kolonialist der Natur, derjenige der ausbeutet, um einen eigenen Vorteil nutzen zu können. Das heutige Erlebnis zeigt uns anschaulich und nachhaltig, der Silberrücken war der Boss, nicht wir, und wir alle waren bei ihm gut aufgehoben. Er hat uns gemustert und uns sein Vertrauen geschenkt. Hm, es geht nicht ohne Vertrauen. 

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