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die töpfe des friedens

Irrawady, Yandabo, Burma

2013

Fotos

Lisa Ehrensperger, Roland Frei

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Bausteine - Zeit - Vergänglichkeit

Bausteine - Sinnlichkeit - Haptik

Bausteine - Reduktion - Abstraktion

Die Produktion sämtlicher Töpfe ist Frauensache, die Fähigkeit wird von Generation zu Generation vererbt. Die Oekonomie der Bewegung, da gibt es keine unnötige Handbewegung, Reduktion pur.

19.12.2013

Aus dem Reisetagebuch

Der Irrawaddy ist ab Mandala weit und mächtig, ein fliessender See. Ich erinnere mich an den Ursprung seines Namens: 'Ayrwaddy' war der Elephant des allumfassenden indischen Gottes Indra. Damit das Symbol der uneingeschränkten Herrschaft. Kein Fluss, allumfassende Herrschaft. Nicht schlecht, eigentlich.

 

Auf der rechten Seite lachen uns die funkelnden Pagoden von Sagaing an. Das moralische Gewissen Burmas. Die beiden aus britischer Kolonialzeit stammenden Stahlbrücken verbinden die weltliche mit der religiösen Welt, als filigranes Spinngewebe, daran erinnernd, wie fragil der Berührungspunkt dieser beiden Sphären ist. Der Brückenschlag fühlt sich wie ein Tor an, das in eine andere Welt führt, die Welt der stetigen Veränderung, des Fliessens, des Vergänglichen. Der Irrawaddy ist kein Fluss, er ist eine Lebensschule. Unsere Bootsführer wissen nicht was sie erwartet, die Physiognomie des Stromes ändert sekündlich. Meistens sitzt einer der Männer vorne am Bug, sticht mit einer Bambusstange in das trübe Wasser, gibt dem Kapitän Zeichen. Es gibt viele Sandbänke im Fluss des Lebens! Wenn man nicht aufpasst, läuft man auf Grund und steckt fest.

 

Obwohl die Sonne schon über die Bäume äugt, ist es noch kalt. Wir sitzen in wärmende Wolldecken eingehüllt auf dem Oberdeck, Fritz zittert. Derweil Sharon richtig auftaut! Körperlich und mental. Sie scheint fähig und willens zu sein, sich auf die burmesische Andersartigkeit einlassen zu wollen. Lisa ist quietschvergnügt, hat sich von ihren zahlreichen Plaisierchen, die sie Zuhause noch geplagt haben, erholt. Auch sie blüht richtig auf. Wie weggeblasen, die eigene Erwartung, die Erwartungshaltung wer man sein möchte, aber nicht ist. Der grösste Druck, den das menschliche Leben auszuhalten hat. Der trübe sandige Fluss reinigt!

 

Riesige Schlepper kreuzen uns, stromaufwärts, gigantische Rundlinge, sicher über einen Meter im Durchmesser, liegen auf metallenen Flossen werden von einem zweiten Schiff seitlich gestossen. Teakholz aus den grossen Bergen, dem Himalaya, Tropenholz aus Burma, noch heute ein Renner, auf dem Weg nach Rangun, wo sie für den internationalen Gebrauch in handliche Möbel konvektioniert werden. Dann ein Bündel kleiner Schiffe, das als selbstständige Insel aneinander gekettet in der Mitte des Stromes schwimmt. 'Goldwäscher', klärt uns Nyein Nyein auf! Im Irrawaddy wird auch heute noch nach Gold geschürft! Klondike im ärmsten Land der Welt. Hoffentlich nicht mit Quecksilber, denke ich mir. Aunty, die meine Gedanken lesen kann, meint, 'nein, nein, das Quecksilber vergiftet nicht das Wasser, es wird nur dazu gebraucht, den Goldstaub zu binden, wird also nur dem geschürften Material beigefügt.' Ich will es glauben. Allein mir fehlt der Glaube. Aunty unsere Freundin ist Ärztin, war aber einmal lizensierte Fremdenführerin und weiss, was ihre Pappenheimer hören wollen.  

 

Die Landschaft ist weit und flach, stets ist eine Uferseite als 3-4 Meter hohes massives Bord damit beschäftigt, die Wassermassen umzulenken, während das gegenüber liegende Ufer geduldig ausläuft, Raum für die alljährlichen Überschwemmungen gibt, dann ist es Zeit für die unzähligen provisorischen Zeltdörfer der Bauern zu verduften, Ihr „Zuhause“ in Sicherheit zu bringen. Viel ist es eh nicht. Das von ihnen bestellte Feld wird vom „Allmächtigen Fluss“ nur geduldet, auf Zeit. Er gibt und er nimmt. Wie es ihm gefällt und das Menschenkind muss sich danach richten oder stirbt.  

 

Halt in Yandabo, dem Töpferdorf, das wir schon vor zwei Jahren besucht hatten. In Yandabo haben sich seinerzeit, nach Beendigung des ersten birma-englischen Krieges, die beiden Parteien zu Friedensverhandlungen gefunden, die Engländer haben bei dieser Gelegenheit die unterlegenen Burmesen ordentlich ausgenommen, die Grundlagen für eine profitable Kolonialpolitik gelegt und so die leeren Kassen einer verfehlten heimischen Politik durch 'Kolonialgewinne' aufbessern können. Teakholz aus Burma, Goerge Orwell kann in seinem Buch 'Burmese Days' ein beredtes Lied singen. Das Britisch Petrol BP hiess ursprünglich einmal 'Burmese Petrol'... Lang ist’s her und die koloniale Geschichtsschreibung übersieht diese Randnotiz grosszügig.

 

Yandabo ist ein keines unscheinbares Dorf, das partout nicht seinen geschichtlichen Wert repräsentieren will. Und trotzdem kennt jeder Burmese diesen Ort: in Yandabo werden die besten und begehrtesten Wassertöpfe des Landes produziert. Am Ufer stapeln sich Wassertöpfe, von einer Frau und einem Mann das steile Ufer  heruntergeschuftet, der Mann trägt sechs Töpfe an einem über die Schulter gehängten Traggestell, während die Frau ebenfalls sechs Töpfe in einem Korb auf dem Kopf balanciert. Die Dualität des Gleichgewichtes. Ich verliere schon beim Zusehen die Balance. Eine alte Frau wäscht Wäsche und sich, lässt sich von mir nicht stören, fühlt sich offensichtlich in ihrer Intimität nicht beeinträchtigt. Selbstverständlichkeit.

 

Spaziergang durch das Dorf, die für diese Gegend typischen Bambushütten, die Häuser scheinen geflochten zu sein. Nichts erinnert an die geschichtliche Bedeutung des Ortes, zwischen den Hütten, weite offene Plätze mit riesigen schwarzen Erdhaufen, den lokalen 'Brennöfen'. Die Töpfe werden im freien aufgeschichtet, der Haufen mit Erde isoliert, dann angezündet. Da die Töpfe keine Glasur haben, muss auch der Brand nicht allzu heiss sein. Schlacksige, ausgedörrte Männer stapeln wertvolles Brennholz, beissender Rauch liegt in der Luft, ein monotones Klatschen füllt die apokalyptische Stille. Es sind die Frauen, welche auf dem Boden kauernd mit Holzspaten auf ihren Töpfen herumklopfen und damit die Oberfläche der Tontöpfe mit tradierten Ornamenten vergrössern, damit das Wasser darin schön kühl bleibt. Die Produktion sämtlicher Töpfe ist Frauensache, die Fähigkeit wird von Generation zu Generation vererbt. Die Oekonomie der Bewegung, da gibt es keine unnötige Handbewegung, Reduktion pur. Die Fingerfertigkeit ist stupend, denn nur der Rohling wird auf einer Töpferscheibe gedreht, dann wird dieser aber mit Holzwerkzeugen millimetergenau in die tradierte Form geklopft. Topf für Topf. Burma ist das Land des Handwerkes. Yandabo das Dorf der Friedenstöpfe.

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