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menschliche Architektur

07.04.2015 

Aus dem Reisetagebuch

Yoshijima Haus und Kusabe Haus, die gleich nebeneinander liegen. Die Synthese der japanischen Architektur schlechthin. Ob sie‘s wohl merken? Ich mag das Yoshijima Haus, seine Unmittelbarkeit, Direktheit. Das Kusabehaus, direkt am Kanal gelegen, ist dagegen etwas musealer. Auch hier gilt es sich die Atmosphäre einzuprägen, diesen einmaligen Cocktail des Lichtes, der sich permanent ändernden Stimmung. Ein wahres Feuerwerk eines einzigen Gewürzes. Ich nehme Natascha beiseite und versuche ihre Leidenschaft zu entzünden. Mehr kann ich nicht tun. Mehr gibt es in Sachen Architektur nicht zu studieren, zu lehren. Wir sammeln uns an der zentralen Feuerstelle zu einem aus Shitakepilzen gebrauten Tee. Zwei Franzosen, ein älteres Paar, gesellen sich zu uns. Ein interessantes Gespräch zu den Werten dieser Welt spannt seine Fäden, wie das System des Kiwari unsichtbar durch die Leere des Raumes. Gute Architektur inspiriert auch den Geist.

 

Was macht die traditionelle japanische Architektur eigentlich so menschlich?

Da ist die Erlebnisdichte. Obwohl im Kiwari / Tatamisystem rechtwinklig geometrisch organisiert, werden keine Kisten gebaut, sondern fliessende, 'organische' Räume, mit individuell festlegbaren Ein-, Aus-, Durchblicksmöglichkeiten. Dieses System ermöglicht je nach Standort des Betrachters unterschiedliche Erlebnissmöglichkeiten desselben Raumes. Die Räume werden nach und nach erlebt, müssen quasi ausgepackt werden. Durch die flexibel nutzbaren Raumteilungselemente, wie Shojis, Fusumas, kann die Raumkonstellation der jeweils gewünschten Stimmung angepasst werden. Ein Musikinstrument, das bespielt werden will. 'Es ist an dir die Leere zu füllen' Luigi Snozzi. Kein starrer Raum, den man auf den ersten Blick 'gesehen, erlebt' hat. Der Bewohner wird so lebendiger Teil der Betrachtung. Es findet eine Interaktion Objekt - Subjekt statt. Eine Interaktion, die Einfluss auf die das Ambiente prägende Lichtstimmung hat. Das einfallende Licht umwebt die Grundstruktur, den Grundrythmus chaotisch melodiös, schafft Lichtspiele, Schattentheater, umwedelt die Geometrie organisch.

 

Da ist das Verhältnis zur Natur, dem Leben allgemein. Ambivalente Raumzonen vermitteln zwischen den Gegensätzen. Innen - Aussen. Kultur - Natur. Hell - Dunkel.  Dieser Respekt vor dem Leben führt dazu, das Gewicht des Gemachten nicht im protzenden Starren zu suchen, sondern im labilen, sich ständig verändernden Gleichgewicht, dem Zurückhaltenden. Der Garten muss nicht gross sein, das Erlebnis muss gewährleistet sein. Die Kraft der Reduktion.

 

Da ist die haptische Entsprechung: Man zieht den Zahn der Zeit nicht, man schätzt das würdevolle Altern. Pflege ist nicht teurer, unerwünschter Unterhalt, sondern tägliche Realität, das menschliche Dilemma wiederspiegelnd. Auch der menschliche Körper muss jeden Tag gepflegt werden, so auch das Haus in dem der Körper wohnt. Bei uns putzen wir alles zu Tode, aus einem falsch verstandenen 'Sauberkeitswahn', der eigentlich eine Selbstlüge ist. Können wir im Westen überhaupt menschliche Architektur schaffen, wenn wir den Alterungsprozess ausklammern, negieren?

 

Es dämmert, draussen hat der Wind eingesetzt, bläst die heute feuchte, stickige Luft weg. Der Bambus wiegt sich rythmisch, die oberen Enden der langen Stangen klingeln wie Masten der Schiffe im Hafen. Wir löschen das Licht, wollen unsere Räume erleben, wenn das Tageslicht sich hinter dem Mond versteckt. Der Raum wird zunehmend dunkler, verliert seine Konturen und etwas überraschendes passiert: der Hof wird erlebbar heller, bevor auch sein Lebenshauch für heute erlischt. Ohm! Allerdings geht das sehr langsam. Wie ein geübter Zenmönch atmet der Hof sehr langsam aus, scheint jede Sekunde geniessen zu wollen. Eine einsame Steinlaterne spendet jetzt schüchtern Leben. Lisa öffnet eine Verglasung, setzt sich auf die Engawa, sitzt draussen drinnen, jetzt dringen auch die Gerüche des Hauses in unser Zimmer.

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