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bongert bonaduz

Neubau Seniorenzentrum Bongert, Bonaduz

2011

Bauherr

Bürgergemeinde Bonaduz

 

Architekt

Frei & Ehrensperger Architekten, Zürich

Projektleitung: Dirk Steinbach

Mitarbeit: Birgit König, Simone Schmid

 

Bauleitung

Frei & Ehrensperger Architekten, Zürich

Markus Foi, Chur

 

Fachplaner

Bauingenieur: Walter Bieler, Bonaduz

HLS-Planung: Züst Haustechnik, Grüsch

Elektroplanung: Marquart Elektroplanung, Chur

Bauphysik: Stadlin Bauphysik, Buchs

 

Küchenplanung: Hosta AG, Basel

Beschriftung: Strickler Reklame AG, Zürich

 

Kenndaten

Grundstücksfläche: 4’254 m2    

Geschossfläche: 2’440 m2

Umbauter Raum SIA: 7’160 m3 (SIA 416)

Baukosten: 6.5 Mio. CHF    

Nutzung : 15 Alterswohnungen, Öffentliches Restaurant,

Spitex Imboden, Coiffeur, Garage mit 8 Parkplätzen

 

Wettbewerb

2009, 1.Preis

 

Planung und Fertigstellung

2009 - 2011

Publikation

Seniorenzentrum Bongert Bonaduz

Verlag Frei & Ehrensperger

ISBN 978-3-033-03259-0

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Fotos

Guido Baselgia, Chen Qing

N

Text Jürgen Tietz

Wohnen im Bongert

Das Wohnen gehört zu jenen elementaren Dingen, die unser Menschsein bestimmen. Unsere Wohnung ist unser Frei- und unser Schutzraum und sie ist zugleich unsere Visitenkarte. Sie ist ein Spiegel unserer selbst. 

Von Kindesbeinen an wohnen wir – in der vertrauten Umgebung des Kinderzimmers im Elternhaus, in der Studentenbude, in der ersten eigenen Wohnung. Wohnen bedeutet, sich zu gewöhnen – an die Ausblicke aus dem Fenster, an die Materialien von Wand und Tür, an die Ge­rüche, an die Ordnung der Räume im Wohnungsgrund­riss. Daher besitzt das Wohnen viele Schichten, denn es wächst mit unserer Familie, mit unseren Ansprüchen, mit unserer Bibliothek. Die Tür am Abend hinter sich zu schliessen, bedeutet nicht alleine, sich in Sicherheit zu wissen. Es bedeutet auch, zu einem Teil von sich selbst zurückzukehren, nach einem langen Tag draussen in der Welt. Wer also viele Jahre lang in ein und derselben Wohnung gelebt hat, dem fällt es meist schwer, sich vom Knarren des Parketts zu verabschieden, vom Schrank in der Küche, der Decke über dem Sofa. Und doch: je älter wir werden, umso wahrscheinlicher wird es, dass wir nicht bis zu unserem Lebensende in der uns vertrauten Umgebung leben können. Die Stufen der Treppe empor zu steigen wird zu mühsam, die Wohnung ist längst zu gross und der Weg zum Arzt zu weit. 

Doch wohin dann mit unserem Vertrauen?

 

Wohnen im Alter

Wie kann es gelingen, im Neuen nicht nur den Verlust des Gewohnten zu erkennen, sondern auch eine Chance? Eine neue Wohnung im Alter zu beziehen, bedeutet durch manche Ängste zu schreiten. Einen alten Baum verpflanzt man nicht mehr, so heisst es. Und doch kann der Umzug in ein neues Heim einen Gewinn bedeuten. Einen Gewinn an Komfort, an Gemeinschaft, und damit an Lebensqualität, an Selbstständigkeit. Vieles kann davon durch eine für das Alter angemessene Architektur vorbereitet werden: Wenn plötzlich ein Fahrstuhl bis zur Wohnung empor führt, wenn sich die ärztliche Versorgung im Hause befindet oder ein Restaurant die Teilhabe am täglichen Leben vereinfacht.Neue Wurzeln schlägt jedoch nur der, der sich in seiner neuen Umgebung, in seinem neuen Garten wohlfühlt, der sich beschützt und umsorgt fühlt. Da helfen fürsorgliche Worte. Aber auch der Rahmen, den die Architektur schafft. Wer sich wohl fühlt, für den wird sein neues Heim schnell zur neuen Heimat. 

Das Haus Bongert von Roland Frei und Lisa Ehrensperger in Bonaduz besitzt dieses Potential zur Heimat. Fast wirkt das Haus mit seiner lichten grauen Fassade aus Sichtbeton wie eine Umsetzung des Programms von Adolf Loos: «Regeln für den, der in den Bergen baut.» Das Bongert steht im Ort zwischen alten Bäumen und Satteldachhäusern, zu Füssen der Berge in Graubünden. «Baue nicht malerisch. Überlasse solche Wirkung den Mauern, den Bergen und der Sonne.», schreibt Loos. «Sei wahr! Die Natur hält es nur mit der Wahrheit.» Und dieses Haus ist wahr – denn es ist unmittelbar. Es ergreift, macht neugierig, fordert auf es zu umrunden und zu erfahren. Es wirkt, als würde sich die Einzigartigkeit jedes Bewohners im Bongert in der Individualität des Hauses widerspiegeln. 

Bewegt wirkt die Fassade, über die sich die Fenster in einem unregelmässigen Muster verteilen, mit verschiedenen Formen und Grössen. Mal sind sie bündig in die Fassade gefügt, mal zurückgesetzt, mal mit Me­tallrahmen, mal mit Holzrahmen. Und in den weiten Glasflächen spiegeln sich die Bäume und Berge, der Himmel. So beginnen sich — scheinbar beiläufig — Landschaft und Architektur miteinander zu verweben. Indem sie verschmelzen nehmen sie dem Haus jede Fremdheit und fügen es als einen zeitgenössischen Baustein in die dörfliche Umgebung ein. Es ist gebauter Raum, der mit seinen einfachen Vor- und Rücksprüngen wie ein Monolith in der Landschaft steht. Dazu fügt sich die graphisch anmutende Gestaltung der Fassade, so dass eine plastisch durchgebildete Gesamt­figur entsteht. Das Bongert bietet eine gebaute Positionsbestimmung für all diejenigen, die hier wohnen und leben. Nicht irgendwo abgeschoben am Rande, sondern selbstbewusst im Ort kann hier einziehen, wer zur Bürgergemeinde Bonaduz gehört. 

 

Ausblick als Einblick

Die fünfzehn behindertengerechten Wohnungen mit ihren zwei- und dreieinhalb Zimmern sind dabei für Alleinstehen­de ebenso geeignet wie für Ehepaare. Den unterschiedlichen Wohnungsgrössen entspricht die Varia­tion der Grundrisse. Sie eröffnen im Haus eine faszinie­rende Vielfalt von räumlichen Erfahrungen und das obwohl sich Frei & Ehrensperger eines ganz klaren, bewusst reduzierten Instrumentariums bei der Auswahl der Materialien und Formen bedient haben. Das Erge­b­nis ihrer Arbeit ist eine konzentrierte Architektur, die über eine minimalistische Sinnlichkeit verfügt. Eine Architektur, die Räume schafft und dem Bewohner dabei jenen Raum gibt, den er für’s Wohnen benötigt. Dabei verbindet sich das individuelle des Wohnens mit dem gemeinschaft­lichen der Hausgemeinschaft: dazu gehört die hohe Halle im Zentrum des Hauses mit ihrem Natursteinboden, deren Sitzmöbel zum Innehalten einladen, zum kurzen Gespräch unter Nachbarn. Dazu gehört aber auch das grosszügige öffentliche Restaurant im Erdgeschoss des Hauses, das sich mit seinen grossen Fensterflächen zum Dorf hin öffnet, sowie der Spitex-Standort, der etwas seitlich abgetrennt im Erdgeschoss für die Gesundheitsversorgung und die Betreuung der Bewohner im Bedarfsfall dient.

Und das Individuelle? Das bringt jeder Bewohner selbst mit und fügt es zusammen mit seiner neuen Wohnung, deren ganz eigener Charakter vor allem durch die Verteilung der Fenster bestimmt wird. Das liest sich von der Fassade ab wie ein geheimnisvolles Muster und wird im Inneren zu einem Abenteuer aus Licht und Raum und Stimmung. Ein Geheimnis, das sich nur den Bewohnern des Bongert in seiner ganzen Tiefe erschliesst. Innen und Aussen treten in eine Beziehung zueinander, verschmelzen und trennen sich. 

Zwar mag im Einzelfall die Positionierung der Fenster gewöhnungsbedürftig sein, doch so entstehen insgesamt bemerkenswert lichte Räume, die ihre Bewohner mit sensationellen Ausblicken auf die heimatliche Landschaft Graubündens verwöhnen. Es sind von Fenstern gerahmte Bilder im Wechsel der Jahres- und der Tageszeiten. Wer sich auf einer der tiefen Fensterbänke niederlässt, die Wand schützend im Rücken, der trifft bei Regen und Sonne auf Bilder von ursprünglicher weil naturverbundener Schönheit. Gerade im Alter, wenn bei fast allen Menschen die Sehkraft merklich nachlässt, ist genügend Tageslicht besonders wichtig. Daher tragen die tief in den Baukörper eingezogenen Balkone ebenfalls zur intensiven natürlichen Belichtung der Wohnungen bei. Es sind windgeschützte Ausblicke, die bei Bedarf durch einen auberginefarbenen Sonnenschutz abgeschirmt werden können. Mit ihren grosszügigen Glasflächen weiten sie die Räume der Wohnungen zusätzlich auf und holen zugleich mit ihren Spiegelungen die Landschaft ins Haus.

Ein verbindendes Gestaltungselement zwischen den unterschiedlichen Wohnungen sind die Küchen. Sie sind aus örtlich anstehender Lärche gefertigt. Warm und wohlig wirkt das Holz mit seiner liegenden Maserung. Es ist eine harmonische Ergänzung des übrigen Materialkanons — mit dem Sichtbeton in Fluren und Fassade, den weissen Wänden der Wohnungen und dem Parkett sowie dem Küchenboden aus Naturstein. Mit ihrer haptischen Qualität rufen die Küchen, die sich nicht klein machen und abschotten, sondern sich bewusst zu den Wohnräumen hin öffnen, die Erinnerung an alte Bohlenstuben wach. 

 

Der Ort als Bezugsgrösse

«Achte auf die Formen, in denen der Bauer baut.», schrieb Adolf Loos 1913. «Denn sie sind der Urväterweisheit, geronnene Substanz. Aber Suche den Grund der Form auf.», mahnt er zugleich und wies damit der kommenden Architektur jenen schmalen Grat zwischen Tradition, Region und Innovation, der so schwer zu beschreiten und so leicht zu verfehlen ist. Im Bongert in Bonaduz ist er auf treffliche Weise von Frei & Ehrensperger beschritten. Nicht nur in den wohnlichen Küchen, sondern im ganzen Haus wird auf den Grund der Form geachtet. Das Bongert bescheidet sich in der Klarheit der verwendeten Materia­lien und Formen und birgt in dieser Konzentration zugleich eine Vielfalt in sich. In dem sich die Architektur von Frei & Ehrensperger auf sich selbst und die dienende Funktion des Hauses für seine Bewohner konzentriert, konzentriert es sich wahrhaftig auf den Ort, verleiht ihm eine Quali­tät, eine Haltung und schafft für seine Bewohner dadurch einen guten Ort, an dem sie sich geborgen, willkommen fühlen können. 

«Baue so gut als du kannst. Nicht besser. Überhebe dich nicht. Und nicht schlechter. Drücke dich nicht auf niedrigeres Niveau herab als du durch deine Geburt und Erziehung gestellt wurdest.» So erschöpft sich die Idee eines regionalen Rückbezugs in Bonaduz nicht in den grandiosen Ausblicken auf die Berglandschaft oder auf die Materialität des Lärchenholzes. Die Idee des Regionalismus zieht sich als Konzept konsequent durch den Bauprozess bis hin zu den beteiligten Handwerkern, die aus der Region stammen. Dahinter steht für Roland Frei und Lisa Ehrensperger das Konzept einer guten Gastgeberschaft. Nur dort, wo ich gut aufgenommen werde, nur dort fühle ich mich auch behaust. Besonders im Alter, wenn ich einerseits meine Freiheiten bewahren möchte und andererseits doch gelegentlich auf Unterstützung angewiesen bin. Gute Gastgeberschaft bedeutet beim Bongert daher die Möglichkeit eines individuellen Wohnens - und zugleich die Betreuung im Bedarfsfall. Das ist auch eine Frage des Respekts gegenüber der älteren Generation und ihrer Lebensleistung. Die Idee des Konzeptes im Bongert zielt darauf ab, für die Betagten ein hohes Mass an Selbstständigkeit und damit an persönlicher Autonomie und Lebensqualität zu bewahren. Das schliesst auch die Nähe zur Bahnlinie ein, die Bonaduz in zehn Minuten mit Chur verbindet. Oder die gesellschaftliche Teilhabe im öffentlichen Restaurant. Damit das alles jedoch funktioniert, bedarf es einer übergeordneten architektonischen Gestaltung, die die gebaute Qualität vom Lichtschalter über den Fussboden, von der Küche bis zum Ausblick aus dem Fenster als unverzichtbare Bausteine für das Wohlbefinden der Bewohner begreift, die sich in guter Gastgeberschaft geborgen fühlen dürfen.

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