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Künzle Heim

Mit dem Abbruch des bestehenden Hochhauses eröffneten sich neue Möglichkeiten. Es wurde im wahrsten Sinn des Wortes Platz frei. Durch das Wegrücken des Neubaus konnte ein gut besonnter, alle drei Gebäude verbindender zentraler Platz geschaffen werden. Das neue Gebäude äussert sich auf alle Seiten gleichwertig und steht damit nicht mehr am Rande, sondern mitten drin im bestehenden Park mit seinem prächtigen Baumbestand. Diese neue Ausrichtung prägt sowohl das volumetrische als auch das architektonische Konzept des neuen Künzle Heims massgebend. Das Neubauvolumen mit seinen 57 Zimmern, dem öffentlichen Erdgeschoss (Administration, Cafeteria, Restaurant, Bibliothek, Coiffeur) ist ausserordentlich gross. Trotzdem gelingt es, das z-förmige Volumen selbstverständlich in den Park einzufügen. Rund um das Haus entstehen vielfältig nutzbare Aussenräume, eine räumliche Verschränkung mit den Bäumen des Parks wird möglich.

 

Das neue Quartierzentrum kann von allen Seiten betreten werden, es gibt weder Vorder- noch Rückseite. Der jahreszeitliche Wechsel der Natur wird zum prägenden Erlebnis um, aber auch im Gebäude. Die einzelnen Zimmer scheinen förmlich in die Bäume hineingebaut worden zu sein.

 

Ziel der entwerferischen Grundhaltung war es, den Bewohnern und Bewohnerinnen eine vielfältige, charaktervolle Lebenswelt zu bieten, welche ihre Sinne anregt. Eine Lebenswelt, die es zu entdecken gilt, die für jeden Einzelnen aber auch zunehmend beschränkt sein wird. Der Charakter des neuen Hauses ist durch unterschiedliche Stimmungen geprägt. Je nachdem, wie die Sonne um das Haus herumtanzt, ändern sich die Stimmungen: es gibt hellere Orte und es gibt dunklere Orte, es gibt Zimmer mit Blick in die Bäume und solche mit Weitsicht auf die heimatliche Landschaft oder die Stadt. Es gibt Orte, wohin man sich zurückziehen kann und es gibt solche, wo man jemanden treffen kann. Die hölzerne Fassadenhaut ist gleichsam Abbild dieses individuellen Wechselspiels der Gemüter.

 

Dem heutigen Standard genügend wurde das Haus ­gemäss Minergie-Eco Richtlinien erstellt. Dies bedeutet ­­neben hochisolierten Fassaden den Einbau sowohl einer Solar-, als auch einer Photovoltaik-Anlage, welche das Haus mit «ökologischem» Strom versorgen. Die tragenden Wände sind auf ein Minimum reduziert, ein Grossteil des verwendeten Betons ist Recyclingbeton. Die Aussen­wände sind ausschliesslich als nichttragende, ausgeflockte Holzelemente ausgeführt und wurden vor­fabriziert. Die äussere Wetterschicht (Holzroste in einheimischem Lärchenholz mit Eisenglimmeranstrich ­versehen) mäandriert allseitig um das Gebäude. Sie verändert ihren Charakter je nach Lichteinfall dramatisch. Eine Holzfassade in der Leichtigkeit eines textilen Vorhangs, der sich im Wind bewegt. Durch die 60 cm auskragenden Geschossstirnen wird das fünfgeschossige Gebäude horizontal geschichtet. Gleichzeitig kann so die Holz­fassade geschützt und die liegenden Proportionen der beiden bestehenden Wohnbauten aufgenommen werden.

 

Der Ausbau beschränkt sich auf wenige, möglichst naturbelassene Materialien: Jurasandsteinplatten für die Böden der öffentlichen Bereiche, Eichenböden in den Zimmern, Ulmenfournier für sämtliche Schreinerarbeiten und die Wandverkleidungen in den öffentlichen Bereichen, dazu glattverputzte, helle Gipsdecken. Auf diese Weise entsteht ein monochromer, zurückhaltender Farbspiegel, ­welcher das farbige Wechselspiel der das Haus umgebenden Natur nicht konkurrenziert. Die Materialien selbst sind beredte Geschichtenerzähler, seien dies die Sediment­ablagerungen im Jurasandstein, seien dies die Jahrringe des Ulmenholzes, welches übrigens von einem einzigen Baum im Elsass stammt. In den beiden in den Hang gebauten Geschossen ersetzen die vom Bündner Photografen Guido Baselgia gestalteten «Fenster» den Ausblick in die Natur. Elf geschosshohe Vitrinen zeigen eine Fahrt über die Alpen, und damit den distanzierten Blick auf die Erde.

Bauherr

Stadt Schaffhausen

Stiftung Künzle Heim

 

Architekt

Frei & Ehrensperger Architekten

Projektleitung: Roland Frei, Dirk Steinbach

Mitarbeit: Doris Haller

 

Bauleitung

Frei & Ehrensperger Architekten, Zürich

Michael Wipf, Oerlingen

Kenndaten

Grundstücksfläche: 8’166 m2

Geschossfläche: 6’660 m2

Umbauter Raum SIA: 20’400 m3 (SIA 416)

Baukosten: 20.3 Mio. CHF

 

Nutzung: 57 Alterspflegezimmer, Öffentliches Restaurant, Cafeteria, Bar, Kapelle, Spitexeinrichtungen

Minergie: Minergie Eco zertifiziert

 

Wettbewerb

2005, 1.Preis

 

Planung und Fertigstellung

2005 - 2011

 

F​​otos

Guido Baselgia

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